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ThaiKulturSchock Teil 1: The Judgement

Buch
Überblick
Spielt in

Thailand

Kommt aus

Thailand

Jahr

1982

Länge

232 Seiten

Leidenszeit im Land des Lächelns

Der erste Teil unserer Serie von Gastautor Ingo Peters: Thaikulturschock – Eine kleine Einführung in Bemerkenswertes aus der thailändischen Literatur

Wir greifen zu Romanen, um unser fröstelndes Leben an einem Tod, von dem wir lesen, zu wärmen, schrieb Walter Benjamin einmal. Sollte er damit Recht haben, dann wäre Chart Korbjittis The Judgment ein ganz hervorragendes Frostschutzmittel. Das, was der Hauptfigur Fak in einem namenlosen thailändischen Dorf unweit Bangkoks widerfährt, ist mit den Worten „Abstieg“ oder „Untergang“ nur unzureichend beschrieben und unterscheidet sich trotz universalgültiger Botschaft doch deutlich von den bekannten westlichen Werken, die ihren Protagonisten ins Unheil laufen lassen. Grund genug, The Judgment (1981 als Khamphipharksa erstmals erschienen) hier als ersten Roman der Miniserie zur neueren thailändischen Literatur in Englisch unter die Lupe zu nehmen.

KorbjittiFaks Probleme beginnen mit dem Tod seines Vaters, für den er eine vielversprechende Karriere als allseits bewunderter, eloquenter Mönchsanwärter aufgegeben hatte. Nun Hausmeister der Dorfschule, nimmt Fak die junge, erst kürzlich angeheiratete Frau des Vaters bei sich auf. Somsong ist einfältig, wahrscheinlich gar geistig behindert, und trägt durch ihr besitzergreifendes Verhalten in Bezug auf Fak dazu bei, dass bald das Gerücht eines sexuellen Verhältnisses der beiden umgeht. Dieser vermeintliche Tabubruch alleine genügt, die Abwärtsspirale zu beginnen, die Fak in den Ruin treiben muss: Der junge Mann wird mehr und mehr gemieden, sämtliche immer verzweifelteren Versuche, das Missverständnis auszuräumen, misslingen ihm – auch deshalb, weil den Dorfbewohnern die Mischung aus pikantem Klatsch und gefühlter religiöser Überlegenheit so behagt, dass sie ihm gar nicht zuhören. Der stigmatisierte und gedemütigte Fak greift zum Alkohol und legt sich nach und nach mit den Dorfgrößen an, was in einer Gemeinschaft wie der beschriebenen nur in der Katastrophe enden kann. Details sollen an dieser Stelle nicht verraten werden; nur soviel: Es gibt nicht viel zu lachen in diesem Roman.

Eine der zahlreichen Ironien, die der 1954 in Samut Sakhon geborene Korbjitti in die Handlung einbaut, ist, dass sein Protagonist nicht nur zu unrecht beschuldigt wird, sondern sogar ein besserer Mensch ist als die, die ihn ächten. Es ist geradezu sein Gutsein, das ihn zugrunde richtet: Buddhistisches Pflichtgefühl brachte ihn schließlich dazu, dem Vater zu helfen (anstatt Mönch zu werden) sowie später Somsong aufzunehmen. Wo Fak sich zu Beginn ständig fragt, ob seine Handlungen im Einklang mit seiner Religion stehen, haben die anderen, insbesondere die Reichen und Mächtigen, weniger Skrupel. Sie scheuen sich nicht, den ansonsten Ausgegrenzten immer dann einzuspannen, wenn es um Drecksarbeit geht. In der psychologisch vielleicht brutalsten Passage des sprachlich wenig effektheischenden Buches wird Fak beispielsweise befohlen, einen im Dorf umherstreunenden tollwütigen Hund zu erschlagen – angesichts des kategorischen Tötungsverbots im Buddhismus eine Szene, die mit dazu beiträgt, den jungen Mann in Richtung Wahnsinn zu treiben.

Was The Judgment aber noch beklemmender macht als vergleichbare Werke ist etwas anderes. Selbst in dem Mikrokosmos des Dorfes ist Faks Geschichte nicht mehr als eine Randnotiz, der Einzug der Elektrizität erhält mehr Aufmerksamkeit. Und wenn sein Schicksal von Bewohnern thematisiert wird, geschieht das eher belustigt als dramatisch. Der Autor macht auch mit strukturellen Mitteln geschickt klar, dass die Welt wie auch die kleine Gemeinschaft von Faks Fall ziemlich unberührt sind: Sein kontinuierlicher Abstieg ist in die zyklische Schilderung von wiederkehrenden und ewig gleichen Festen und Feiertagen eingebettet. Ein Neujahrsfest folgt auf das andere, eine Fastenzeit kommt nach der vorigen. So erzählt Korbjitti den Untergang seiner Hauptfigur nicht nur als Tragödie, sondern gleichzeitig auch als brutale Farce – was hier passiert, spielt eigentlich keine Rolle, Fak leidet umsonst.

Wenn der Roman eine Schwäche hat, dann ist das die Tendenz des Autors, seinen allwissenden Erzähler auch da kommentieren zu lassen, wo es keines Kommentars bedarf. Es wäre nicht nötig, die Scheinheiligkeit von sich eindeutig scheinheilig verhaltenden Figuren noch einmal explizit zu benennen. Andererseits hat die Erklärungswut auch ihr Gutes. Zum ersten können auch Nicht-Thailandkenner der Handlung jederzeit folgen und lernen nebenbei noch Wissenswertes über das Leben auf dem Land, denn Korbjitti erläutert auch sämtliche Feste, Riten, Werte und die Dorfstruktur. Und zum zweiten vehinderten die Kommentare womöglich eine allzu negative Rezeption in Thailand, wo z.B. in Schulen vorwiegend solche Bücher auf dem Lehrplan stehen, deren unzweideutige Botschaft klar in einen als Moral des Ganzen deklarierten Satz gepackt ist. Korbjitti stellt dann auch seinem Roman ein solches Motto voran: „The commonplace suffering that man relentlessly inflicts and endures in an ordinary situation.“ Das hört sich eher nach einer Geschichte über die unabänderliche menschliche Natur an als über Thailand, und mag erklären, wie ein Buch, das sehr spezifische gesellschafts- und religionskritische Elemente enthält, den SEA Write Award bekommen konnte in einem Land, wo Politik und Kulturbetrieb literatische Qualität eher an der Vermittlung von traditionellen Werten festmachen als am Hinterfragen bestehender Zustände. Schon alleine für dieses geschickte Platzieren seiner Botschaften unter Berücksichtigung der konkreten Leserschaft verdient Korbjitti, wie auch Übersetzer Marcel Barang, großes Lob.

Sehr zu empfehlen für jeden, der einen Einstieg in die zeitgenössische thailändische Literatur jenseits von Strand-, Drogen und Prostituiertenklischees sucht.

Auch wenn Google Books das behauptet, ist Ingo Peters (Autor von Der chinesisch-amerikanische Roman und seine Schlüsselthemen) nicht Projektmanager bei der HypoVereinsbank, sondern Juniorprofessor am Englischen Seminar der Chulalongkorn-Universität in Bangkok, und ein guter Freund von Kai und Desirée. 
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