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Steampunk 101, Teil 5 – Steampunk in der Literatur

Buch

Steampunk ist mittlerweile aus keinem Medium mehr wegzudenken – am wenigsten aber aus der Literatur, in der er entstanden ist und in der sich fast all seine Vorläufer finden. Und dort ist der Steampunk auch immer noch am lebendigsten, vor allem seit das Genre in den letzten zwei Jahren seine große Renaissance erlebt. Was sich seit den ersten Steampunk-Romanen zu lesen lohnt (zumindest einiges davon), und was das Genre geprägt hat, haben wir hier zusammengetragen.

Michael Moorcock – Der Herr der Lüfte (1971)

Als Michael Moorcock 1971 einen edwardianischen Soldaten in die Zukunft eines alternativen Universums schickte, wo der ersten Weltkrieg nie stattgefunden hatte, gab es weder das Wort Steampunk noch das Konzept. Deshalb wird Der Herr der Lüfte häufig als Vorläufer bezeichnet. Aber es gibt in Moorcocks (wie meistens bei ihm sehr lesenswerten) Roman alle Elemente, die Steampunk ausmachen: Eine Zukunft aus der Sicht des viktorianischen bzw. edwardianischen England, mit Luftschiffen, Dampf- und Zahnrad-getriebene Automaten, Sprache im viktorianischen Stil und einen abenteuerlustigen Protagonisten. Für mich ist der Herr der Lüfte (genau wie seine zwei Fortsetzungen) daher ein früher Steampunk-Roman, geschrieben bevor sich jemand die Mühe gemacht hat, Steampunk zu erfinden.

K. W. Jeter – Infernal Devices (1987)

Kevin Wayne Jeter hat gleich doppelt Science-Fiction-Geschichte geschrieben. Erstens, indem er 1984 einen Brief an das Magazin Locus schrieb und darin scherzeshalber den Begriff „Steampunk“ einführte, als Genre für die „Victorian Fantasies“, die er und zwei Kollegen in der letzten Zeit herausgebracht hatten. Und zweitens, indem er zwei der ersten Steampunk-Klassiker schrieb: Die Nacht der Morlocks, ein Sequel zu H. G. Wells Zeitmaschine und vor allem Infernal Devices, das auch knapp 25 später leider noch nicht auf Deutsch erschienen ist.

Infernal Devices ist eine atmosphärische und düstere Geschichte, die mit einem Fuß im „New Weird“ steht und fast so viele Fantasy- wie Science Fiction-Elemente hat: Ein seltsamer Fremder sucht den mäßig talentierten Uhrmacher George auf und fordert ihn auf, ein seltsames Gerät (eins der titelstiftenden „devices“) zu reparieren, das dessen Vater, ein genialer Uhrmacher und Erfinder, gebaut haben soll. Dieser Besuch verwickelt George in eine unmögliche (und gefährliche) Situation nach der anderen, mal politischer, mal sexueller, mal abenteuerlicher Natur. Offenbar gibt es nur eine Verbindung zwischen den seltsamen Figuren und Kreaturen, denen er begegnet: Georges Vater.

Tim Powers – Die Tore zu Anubis Reich (1983)

Tim Powers ist einer der drei Autoren, auf die sich Jeter in seinem Brief bezog (s.o.), aber während Jeters Romane fast vergessen sind, landet Die Tore zu Anubis Reich auf jeder zweiten SciFi-Favoriten-Liste. Powers schickt darin einen Literaturprofessor (der mit Nachnamen auch noch Doyle heißt) via Zeitmaschine ins London des Jahres 1810, um den Dichter Samuel Coleridge kennenzulernen. Aber Doyle kann dessen Vorlesungen und Freundschaft nicht lange in Ruhe genießen: Bevor er sich versieht, versucht er die Welt zu retten.

Powers‘ London ist magisch und gefährlich, aber besonders SciFi-lastig ist es eigentlich nicht. Die Zeitmaschine und das viktorianische London sind die wichtigsten Steampunk-Elemente, abgesehen von ein paar Kleinigkeiten, ansonsten bewegt sich Powes eher in einer Art retro-Urban Fantasy. Trotzdem hat Die Tore von Anubis Reich geholfen, Steampunk zu definieren, und vor allem ist es immer noch eine Messlatte, an die sich die jungen Autoren stellen müssen, um ihre Bleistiftstriche zu machen – einen für Spaß und einen für literarische Qualität.

James P. Blaylock – Homunculus (1986)

Blaylock ist der dritte im Bunde der frühen Steampunk-Autoren um K.W. Jeter. Homunculus ist der mittlere (und bekannteste) Band seiner Steampunk-Trilogie, und es ist einer der SciFi-lastigsten Steampunk-Romane seiner Zeit: Natürlich gibt es den obligatorischen Erfinder, der mit Federn, vielen Zahnrädern und einem Monokel hantiert, aber es gibt außerdem Aliens und ein Raumschiff; außerdem Ghoule, einen neuen Messias und ein Perpetuum Mobile.

Blaylocks Figuren haben einen Menge Ähnlichkeit mit Jules Vernes Prototypen – ein Handgriff, den Autoren auch heute noch gerne benutzen – und, das gilt auch für viele der Situationen, in die Balylock sie manövriert. Homunculus macht Spaß und hat geholfen, das Genre zu definieren. Wenn man kein eingefleischter Steampunk-Fan ist, kann man ihn trotzdem unbesorgt überspringen. Die deutsche Übersetzung ist vergriffen, gebraucht aber noch zu bekommen.

William Gibson & Bruce Sterling – Die Differenzmaschine (1990)

Ausgerechnet der Vater des Cyberpunk, der entmenschlichten, klinischen Zukunftsvision der 80er auf die Steampunk durchaus eine Reaktion ist, ein Gegenentwurf, hat einen der wichtigsten Steampunk-Romane überhaupt geschrieben. Die Differenzmaschine (die im März wieder auf Deutsch erscheinen und dann von uns besprochen wird) spielt in einem alternativen 1855, in London (wo sonst), wo es dem Erfinder Charles Babbage (den es tatsächlich gegeben hat) gelungen ist, einen mechanischen Computer zu bauen. Als ein Entdecker, ein Spion und eine gefallene Frau gemeinsam eine Box mysteriöser Lochkarten entdecken, treten sie damit eine Lawine unvorhergesehener Gefahren für Leib und Leben los.

Als Die Differenzmaschine 1990 gerade erschienen war, hat Gibson, noch ‚geschädigt‘ vom Cyberpunk, wohl folgendes gesagt: „I’ll be happy just as long as they don’t label this one. There’s been some dire talk of ’steampunk‘ but I don’t think it’s going to stick.“ Ironischerweise hat gerade Die Differenzmaschine sowohl das Genre als auch den Begriff einem wesentlich größeren Publikum bekannt gemacht.

Kim Newman – Anno Dracula (1992)

Autor und Filmkritiker Kim Newman ist im Horror zu Hause, und hinter einem Roman namens Anno Dracula vermutet wohl niemand einen Steampunk-Roman. Aber Steampunk hat früh bewiesen, dass es sich mit den verschiedensten phantastischen Genres kombinieren lässt, und Newman bringt ihn zum ersten Mal mit der Gothic Novel zusammen (auch das hat sich schon sehr früh angedeutet: siehe Mary Shelleys Frankenstein).

Dracula hat Queen Victoria geheiratet (!) und Großbritannien in einen Polizeistaat verwandelt, in dem Vampire in die Gesellschaft integriert sind. Jack the Ripper hat er aber bisher nicht ergreifen können; der macht weiter fleißig Jagd auf Prostituierte – genauer: sich prostituierende Vampirinnen. Wenn man ganz streng wäre, dürfte man Anno Dracula eigentlich zum Steampunk zu zählen, denn außer dem alternativen Universum und der viktorianischen Atmosphäre finden sich keine von dessen Elementen, vor allem der Science Fiction-Anteil fehlt. Trotzdem wird das oft getan, und immerhin: Steampunk-Fans die nichts gegen Vampire haben, werden an Newmans Roman sicher Spaß haben.

Diamond Age

Diamond Age

Neal Stephenson – Diamond Age (1995)

Genau wie William Gibson hat Neal Stephenson erst einen der wichtigsten Romane des Cyberpunk geschrieben (Snow Crash), um sich dann einer Form des Steampunk zuzuwenden und auch hier das Genre mit zu definieren. Streng genommen wird Diamond Age zum Postcyberpunk gezählt, und tatsächlich zeichnet er darin eine Zukunft, in der alles von der Nanotechnologie beherrscht wird.

Auf der anderen Seite aber ist Diamond Age einerseits ein klassischer Bildungsroman (wenn auch in einem SciFi-Rahmen) und damit schon was die Dramaturgie betrifft typisch viktorianisch. Auf der anderen Seite ist eine der wichtigsten Bevölkerungsgruppen in Diamond Age neo-viktorianisch, hat also Kultur und Weltbild der viktorianischen Zeit angenommen.

Diamond Age ist damit eins der ersten Beispiele für Steampunk, der nicht im viktorianischen London selbst spielt, sondern in der Zukunft, und es ist außerdem einer der komplexesten und brillantesten Romane des Genres.

China Miéville – Perdido Street Station (2000)

China Miévilles Romane mäandern so wild zwischen Fantasy, Horror und Science Fiction, dass sie dem Genre New Weird zugerechnet werden, das Miéville fast im Alleingang gegründet hat. Perdido Street Station (auf Deutsch in zwei Bänden erschienen: Die Falter und Die Weber) begründet seinen Ruf als genialer, furchtloser und unvorhersehbarer Autor.

Darin schafft er die Stadt New Crobuzon, eine komplexe und dichte Welt, in der Platz für sowohl Magie als auch Steampunk-Technologie ist. Genauso mehrdimensional ist auch die Gesellschaft, die sowohl ganz moderne und sehr viktorianische Gepflogenheiten hat.

Perdido Street Station ist ebenfalls auf vielen Bestenlisten des Steampunk, der Science Fiction und der Fantasy zu finden, und da gehört Miévilles Opus Magnum auch hin. Wer sich in die Stadt verliebt, muss nach der Lektüre nicht verzweifeln: auch Der eiserne Rat und Die Narbe spielen in New Crobuzon.

Scott Westerfeld – Leviathan (2009)

Leviathan ist einer der ersten Steampunk-Romane, der explizit für Jugendliche gedacht war. Während nicht alle Romane von Westerfeld gleich lesenswert sind, gehört Leviathan neben der Uglies-Reihe zu den Lieblingen von Publikum und Kritik.

Westerfeld erfindet ein paralleles 1914, das ebenfalls kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs steht, wo aber die eine Seite mechanische Kriegsmaschinen (Achtung, Steampunk-Technologie) und die andere speziell für den Krieg gezüchtete Tiere verwendet.

Man könnte sich streiten, ob Leviathan nicht eher zum Dieselpunk gehört und auch, ob es wirklich Pflichtlektüre ist – aber unter den Young-Adult-Romanen gehört er sicher zu den besten.

Gail Carriger – Glühende Dunkelheit (2009)

Glühende Dunkelheit (Original: Soulless) gewinnt einen Preis für schlecht ins Deutsche übersetzte Titel, ist aber dessen ungeachtet einer der beliebtesten Vertreter einer ganz neuen Gattung: der Steampunk-Romance.

Carriger verbindet einen Hauch viktorianischer Stilistik und eine Urban Fantasy-Welt inklusive Werwölfen und Vampiren mit Elementen des Agentenromans und den dazugehörigen James-Bond-artigen Gadgets – selbstverständlich im Stil des Steampunk. Der erste Band ist mäßig (hier geht’s zur Rezension), danach wird die Geschichte angeblich wesentlich eleganter.

Cherie Priest – Boneshaker (2010)

Im aktuellen amerikanischen Steampunk-Hype ist Cherie Priest eine der großen Gewinnerinnen. Ihr Roman Boneshaker (der in wenigen Wochen auf Deutsch erscheint) ist für den renommierten Science Fiction-Preis Hugo nominiert worden und war wochenlang auf den Bestsellerlisten.

Priest stammt eher aus dem Southern Gothic- und Horror-Genre, und deshalb ist es kein Wunder, dass ihre Steampunk-Welt erstens im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg angesiedelt und zweitens mit Zombies bevölkert ist.

Boneshaker gehört trotz der Hugo-Nominierung sicher nicht zu den Meisterwerken des Genres, sondern befindet sich eher im Fahrtwasser der ersten Steampunk-Romane von J.K. Jeter oder James Blaylock: harmloser Spaß, davon aber dafür eine Menge. Außerdem ist sie eine ersten, die den Steampunk aus dem festen Griff des viktorianischen Englands befreit und ihn in anderen reellen historischen Kontexten ansiedelt und damit zeigt, dass Steampunk Queen Victoria strenggenommen nicht braucht.

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