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Popkulturchat: E. W. Heine (Interview zu Magna Mater)

Buch

Ernst Wilhelm Heine, bekannt geworden mit seinen makaberen Kille-Kille-Geschichten und einer Reihe historischer Romane, hat sich nach fünf Jahren zurückgemeldet: mit einem neuen Roman, in dessen Genre ihn seine Fans wohl kaum vermutet hätten. Die gerade erschienene Magna Mater ist ein meditativer, philosophischer Science Fiction-Roman. Er spielt in einer Zukunft, wo die nördliche Halbkugel unbewohnbar geworden ist und der größte Teil der Bevölkerung, die „Blühenden“ in völliger Naivität und im Körper eines Teenagers leben – genau 40 Jahre lang, dann werden sie getötet. Beherrscht und gelenkt werden die Blühenden von der Magna Mater, einem rein weiblichen Orden, deren Mitglieder die einzigen Menschen sind, die altern. Keine Religion, kein Krieg, kein Sex, keine Liebe, keine Individualität, keine Zweifel, keine Armut, keine Freiheit. Eine Dystopie, die die Probleme unserer Realität konsequent weiterdenkt und ausmerzt. Aber ist es tatsächlich eine Dystopie? Wir haben uns mit E. W. Heine über seine Vision unterhalten.

PKS: Bisher haben Sie hauptsächlich makabere Geschichten und historische Romane geschrieben. Wie passt Magna Mater da rein?

EWH: Ein Roman, der in der Zukunft spielt, unterscheidet sich gar nicht so sehr von einem historischen Roman. Mein Roman ist vom Verlag genannt worden: ein historischer Roman, der in der Zukunft spielt. Magna Mater, spielt in ferner Zukunft, und die Menschen aus dieser Zeit, die schauen auf uns zurück als abschreckende Maßnahme wie man’s nicht machen soll – und dann sind wir natürlich die historischen Figuren. Insofern ist es wieder ein historischer Roman. Und außerdem geht man immer davon aus, wenn man zurückblickt in die Geschichte, dass es so gewesen ist wie wir es im Geschichtsunterricht lernen. Aber ein Historiker ist ein Journalist, der über etwas schreibt, bei dem er nicht dabei gewesen ist. Und wenn man sich in der Geschichte einigermaßen gut auskennt, dann weiß man, dass die Geschichte ständig verfälscht worden ist. Und in der Zukunft ist es so, da ist es auch unsicher, genauso unsicher wie die Vergangenheit. Aber trotzdem kann man bestimmte Prognosen stellen und bestimmte Dinge in Frage stellen.

PKS: Welche Dinge meinen Sie?

EWH: Wenn man sich normalerweise mit der Zukunft befasst, geht man immer davon aus, dass sich alles verändern wird nach den Gesetzen, die uns derzeitig vertraut sind. Zum Beispiel glaubt man es wird in Zukunft noch mehr Menschen geben, weniger Krebs, mehr Umweltverschmutzung, die Eroberung des Weltraums. Aber wenn man sich in der Geschichte umguckt: Im 5. Jahrhundert, als Beispiel, wurden in Rom bereits fünf- und sechsschössige Gebäude gebaut, und es gab dampfgetriebenes Spielzeug und dampfgetriebene Tempeltüren. Wenn man da ne Prognose gestellt hätte fürs 6. Jahrhundert, hätte man wahrscheinlich vorausgesagt, dass kleinere Hochhäuser schon errichtet werden und die Dampfmaschine schon erfunden wird. Stattdessen weideten auf dem Forum Romanum Ziegen. Sowas ist in unserer Zeit durchaus auch denkbar.

PKS: Was hat den Anstoß dazu gegeben, über die Zukunft zu schreiben?

EWH: Das hängt damit zusammen, dass ich von Beruf aus Ingenieur und Architekt bin. Und man hat mir früher immer gesagt: Mensch, Du hast also mal das höchste Gebäude in Südafrika mitgeplant und in Saudi-Arabien und in der Wüste Schwimmbäder gebaut – Du arbeitest immer mit einem Fuß schon in der Zukunft und schreibst historische Romane, ist das nicht ein Widerspruch in sich? Und irgendwann wusste ich, dass ich auch sowas mal machen würde. Ich glaube dass die derzeitige Entwicklung der Menschheit so nicht weitergehen kann wie in den letzten 100 Jahren. Und wenn man sich umguckt: Überall sind Fundamentalisten, und ich glaube, dass die Zukunft eher glaubensdiktiert sein wird, mehr zurück zu den Wurzeln der Natur. Ich wollte einen utopischen Roman schreiben, der nicht wie Brave New World oder 1984 noch mehr Kontrolle, noch mehr Menschen, noch mehr Technik, noch mehr Großstadt zeigt. Ich glaube, diese Phase sehen wir vielleicht auch. Aber danach denke ich dass eher so etwas passiert wie in meinem Buch – vielleicht wünsche ich mir das auch.

PKS: Wirklich? Das ist ja eine sehr rigorose Gesellschaft.

EWH: Ja, es ist eine seltsame Gesellschaft. Alle Menschen um mich herum haben entweder ein neues Hüftgelenk oder eine neue Kniescheibe, diese Reparaturbedürftigkeit der Menschen. Und die Frauen hier auf dem Lande, die früher gestrickt haben oder sowas, die sind im Fitness-Studio und lernen Bauchtanz. Ich find das alles supertoll, aber daran sieht man, dass die Entdeckung des Körpers, vor allem jung sein und gut funktionieren, Potenz, dass das die neuen Werte sind. Die Menschen waren immer froh wenn sie gesund waren aber nie in so starkem Maße wie jetzt. Früher musste man nicht ne schlaffe Brust wieder aufpumpen und ein alter Mann ging eben am Stock und hinkte, der musste kein neues Gelenk haben, damit er Seilchen hüpfen konnte. Also meine Zukunftsvision erscheint mir realistischer als die allgemein beliebte Star Wars-Version.

PKS: Aber Sie stellen das Ideal der ewigen Jugend in Magna Mater ja schon auf den Kopf. Das ist ja nicht unbedingt erstrebenswert so zu leben.

EWH: Das ist eine andere Frage, ob das erstrebenswert ist. Im Mittelalter hat das Ganze wunderbar funktioniert mit der Kirche. Die hat ja damals nicht nur den Glauben vertreten, sondern das ganze Wissen lag ja bei der Kirche. Damals war die Kirche der beherrschende Faktor und in meinem Fall ist es auch wieder so. Es muss immer in einem Staat eine Gruppe geben die verwaltet, wenn die anderen glücklich leben wollen. Die Blühenden, das ist eine Menschheit, von der keine Gefahr mehr ausgeht, die auch glücklich ist, die auch durchaus neue Dinge entwickelt. Sie haben ja eine neue Keimkraft, und mit Hilfe von Korallen können sie herstellen was sie wollen, was wir heute mit Öl und allen möglichen Sachen herstellen müssen. Das heißt sie leben auf einer ziemlich hohen Stufe der Zivilisation aber der wichtige Satz ist: Fortschritt ist Sünde. Nicht immer noch mehr produzieren, noch schneller, sondern wir müssen das was wir haben erhalten, und um das zu erreichen müssen wir uns bescheiden. Und das erste Bescheiden ist: Wir können nicht unendlich alt werden, denn das sieht man ja heute: Wenn man alt wird, wenn man an die 100 geht, dann hat man sämtliche Leiden, die man sich vorstellen kann; man kann auch ein Auto nicht bis 500.000 km fahren, dann klappert’s überall.

PKS: Dystopien haben sehr oft satirische Züge. Jetzt liegt das bei Ihnen ja relativ nahe…

EWH: Eine kleine Boshaftigkeit ist ja ein Teil des Lebens. Auch ein süßes Dessert wird besser, wenn irgendwo ein kleiner Bitterstoff mit drin ist. Und das ist nicht nur Rezept, das liegt auch einfach in meiner Art. Wenn die Menschen der Zukunft auf uns zurück gucken, dann müssen sie natürlich sicher bisweilen über uns lachen und den Kopf schütteln und das ist die Satire. Ich kritisiere mich ja in diesem Roman mit, weil ich ja in der jetztigen Zeit lebe, und ich kann uns nicht nur als Versager oder als Bösewicht oder als besonders tolle Leute darstellen, sondern auch mit allen Lächerlichkeiten, das gehört doch dazu.

PKS: Im Moment erscheinen sehr viele Dystopien, gerade im Jugendbuchbereich aber auch für Erwachsene. Ist das der Zeitgeist?

EWH: Ja, schon. Aber diese Zukunftsvisionen, die es also überall gibt, die befassen sich ja immer mit Robotern und Raketen.

PKS: Die befassen sich auch mit restriktiven Gesellschaftssystemen, die die Liebe verbieten, Teile der Gesellschaft unterdrücken.

EWH: Nee, das ist mir gar nicht bekannt, aber ich kann mir denken, dass es das ohne Weiteres auch gibt, weil solche Dinge liegen komischerweise immer in der Luft. Wir sind alle irgendwie miteinander vernetzt, das ist ganz seltsam. Also das ist kein Zufall, dass ziemlich gleichzeitig auch an großen Erfindungen, zum Beispiel der Dampfmaschine, mehrere Leute unabhängig voneinander gleichzeitig gearbeitet haben, die Zeit war einfach reif dazu.

PKS: Ist Magna Mater denn für Sie mehr Dystopie oder mehr Utopie?

EWH: Es ist ja ein Roman, und so wie Goethe sich in den Leiden des jungen Werther die ideale Liebe vorgestellt hat, so stelle ich mir eben vor wie die Menschheit sich entwickeln könnte, auf der südlichen Halbkugel der Erde. Und da könnte vielleicht etwas Neues herankeimen, was in diesen großen Landmassen, Asien, Europa, Amerika wegen Umweltverschmutzungen, Strahlungen und wahrscheinlich auch noch durch Kriege nicht mehr möglich ist. Aber ich könnte mir vorstellen, dass da unten eine kleine Oase, ein kleines Paradies entstehen kann, wo die Menschen zur Vernunft kommen.

PKS: Also eher eine positive Zukunftsvision?

EWH: Das ist ne positive Zukunftsvision, auf jeden Fall. Aber man muss sich klar sein: Auch in einer positiven Zukunft ist es nicht so paradiesisch, dass die Menschen tun können was sie wollen, und dass es auch da Leute geben muss, der die Mehrzahl der Menschen … nicht betrügen, das nicht, aber sie müssen sie zu ihrem Vorteil beschwindeln.

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Antworten
  • Thomas
    12. Mai 2012 auf 15:48

    Vorab – ich war bisher ein begeisterter Leser von E. W. Heines Büchern und so war ich auch auf seinen neuesten Roman sehr gespannt. Die Enttäuschung hätte nicht grösser sein können.

    Heines Buch spielt in einer weit entfernten Zukunft. Europa und Amerika sind durch Atomunfälle unbewohnbar geworden. Die Veralterung der Menschheit führte fast zu ihrer Ausrottung und nur ein paar tausend Menschen leben im sogenannten „Seenland“, einer Inselwelt in der südlichen Hemisphäre.

    Schon hier ist der Roman unlogisch. Atomunfälle haben Europe und Amerika unbewohnbar gemacht? Da müssten es doch sehr viele gewesen sein. Und was ist dann mit dem Rest der Welt? In ganz Afrika gibts etwa nur ein Atomkraftwerk und in Südamerika außerhalb Brasiliens gar keins.
    Da gibts von Heine die Erklärung das die Veralterung der Gesellschaft fast zum Ende der Menschheit führte. Auch wieder eine westlich zentrierte Ansicht da es genug LÄnder gibt in denen die Bevölkerung nicht veraltert. Zudem gibt es auch in westlichen Ländern Regionen die bevölkerungsmässig zunehmen – und dies aufgrund vieler Kinder.
    Deswegen aussterben ist doch sehr lächerlich.

    Hier scheitert Heine schon an der Ausgangssituation. Die Apokalypse ist nicht glaubhaft.

    Zurück zum Inhalt:
    Die Welt die Heine zeichnet schaut so aus:
    Die Herrschaft liegt vermeintlich in den Händen einer Schwesternschaft eines Ordens. Sie sind aber nicht reliös sondern der reinen Vernunft verpflichtet. Religion gehört der Geschichte an. An der Spitze des Ordens ist die titelgebende Magna Mater, die große Mutter.
    Die Mehrheit der verbliebenen Menschheit lebt bis zum 40. Lebensjahr mit wenig Arbeit und viel Spiel auf diversen Inseln. Die Hormone werden unterdrückt und so sind die Menschen praktisch Kinder. Erst mit dem 40. Lebensjahr kommen die Blühenden wie sie im Roman genannt werden auf eine Insel auf der sie dann Hormone bekommen und Sex miteinander haben.
    Anschließend sterben sie dann und die Skarabäen, eine kleine Anzahl von Männern, bringen die befruchteten Eizellen zu den Schwestern.
    Über allem steht eine Schwesternschaft von Außerwählten. Sie kümmern sich um die Organisation der Arbeit, verwaltet alles Wissen und ziehen die Kinder auf.
    Dazu gibts noch eine kleine Gruppe von nackt gehaltenen Menschen in einem Menschenzoo. Wie grausig.

    Protagonistin des Buches ist eine Ordensschwester die sich mehrmals nicht an die Regeln hält. Sie liebt eine andere Schwester, bekommt von einem Skarabäen ein Kind und entspricht auch sonst nicht dem Ideal. Dennoch ist sie den Werten des Ordens verbunden und fordert etwa bei abweichenden Blühenenden (die verbotenerweise lesen können) den Tod.

    Eine genauso unsympathische wie in sich unlogische Protagonistin. Mit ihr besuchen wir dann alle Inseln der Inselwelt und schlussendlich die Insel auf der es zum Sex kommt.

    Spoiler:
    Da stellt sich dann heraus das die Skarabäen Sex mit den Blühenden haben. Die Skarabäen sind nicht mal 20 Menschen, sind aber die eigentlichen Herrscher. Die männlichen Blühenden sind zumeist nicht mehr fähig Nachwuchs zu zeugen und so übernahmen dies die Skarabäen. Die Magna Mater ist auch ein Skarabäe.
    Mag sein aber mal ein bischen einfache Mathematik. Die männlichen Blühenden sterben nach dem Sex (aha) und die weiblichen Blühenden nach der Geburt. Es gibt immer nur ein Kind also muss die Menschheit doch aussterben!
    Heines System würde tatsächlich zum Ende führen. Aber dafür war der Autor betriebsblind.

    Dazu kommt die „Religion“ der Skarabäen an den kleinen Gott sprich Parasiten, ist natürlic keine Relgion ja klar. Auch dies zutiefst unlogisch.

    Spoiler Ende

    Vor allem schafft es der Autor mit seinem holprigen und unlogischen Gesellschaftskonstrukt keineswegs Spannung zu schaffen. Die einzigen sympathischen Figuren sind vielleicht noch die zwei Blühenden die sich gegen das System stellen. Das wars dann aber auch schon.

    Heine meint dazu:
    Ich wollte einen utopischen Roman schreiben, der nicht wie Brave New World oder 1984 noch mehr Kontrolle, noch mehr Menschen, noch mehr Technik, noch mehr Großstadt zeigt. Ich glaube, diese Phase sehen wir vielleicht auch. Aber danach denke ich dass eher so etwas passiert wie in meinem Buch – vielleicht wünsche ich mir das auch.
    (http:// popkulturschock.wordpress.com/ 2012/05/05/ popkulturchat-e-w-heine-magna-mater /)

    Von der Urgeschichte der Menschheit hat Heine erschreckend wenig Ahnung. Er schreibt das die Herrschaft des Mannes „naturgewollt ist. Das war schon in den Höhlen der Eiszeit so. Der Mann führt. Euer Wissen kommt aus dem Bauch. Uns obliegt der Verstand“ (Seite 237) Aha. Na da sollte der Herr Heine mal etwas Matriarchatsforschung betreiben. Zumindestens einige Hochkulturen waren definitiv matriarchal und matriarchale Gesellschaften funktionieren durchaus besser als unsere.

    Das nächste Problem ist Heines Sprache. Er verwendet in der Zukunft Ausdrücke wie „afrikanisch aussehender Mann“ was nun gar nicht passt. Genausowenig wie wir Menschen als phönizisch oder thrakisch bezeichnen würden.

    Wie dem auch sei. Heines neue Gesellschaft ist grässlich.

    In der Welt gibt es aber die wichtigste Grundlage der Gesellschaft nicht mehr – Liebe.
    Da ist mir selbst die Diktatur in Nordkorea noch lieber als eine Gesellschaft ohne Liebe.

    Geht auch gar nicht. Jede Generation würde dagegen rebellieren und zwar nicht – wie im Buch – nur zwei, drei Personen. Die Skarabäen die doch über allem stehen sind irgendwie auch nur sexgeile Männer. Die Erotik im Buch entsprechend lächerlich und eben auch unerotisch.

    Heine bezeichnet dies als positive Zukunftsversion und das ist mit Verlaub erbärmlich.
    Heine und Science Fiction das klappt hier einfach nicht.

    Magna Mater ist nicht nur Heines schlechtestes Buch sondern auch insgesamt das schlechteste Science Fiction Buch welches ich je gelesen habe!

Antwoten

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