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PopKulturChat mit Christian Eisert (Fun Man)

Buch

Christian Eisert ist Autor, Comedy-Coach und Comedian. Gerade hat er sein zweites autobiographisches Buch geschrieben: Fun Man, in dem Eisert feststellen muss, dass er nichts mehr komisch finden kann – und sich in der Nachfolge von Timm Thaler auf die Suche nach dem verlorenen Lachen macht. Im Interview erzählt Christian Eisert von dieser Odyssee und erklärt, was die meisten von uns zum Lachen bringt.

PopKulturSchock: Der Verlag bewirbt Ihren Roman als „Geschichte eines traurigen Clowns“. Verstehen Sie sich als traurigen Clown?

Christian Eisert: Ich bin „Clown“ im übertragenden Sinne, ein Spaßmacher, der lustige Texte liefert, auf der Bühne steht, Leute zum Lachen bringt und ihnen erklärt, wie man lustig ist.

PKS: Das heißt, bevor Sie sich mit diesen Dingen befasst haben, konnten Sie noch lachen?

CE: Früher hab ich durchaus gelacht. Wenn ich lustige Geschichten oder Satiren und Sketche geschrieben habe, benutzte ich unwissentlich klassische Humor-Konstruktionen. Und später, als ich die dann benennen konnte oder auch selber benannte habe, war es natürlich verstärkt so, dass ich das erkannte und nicht den Überraschungseffekt hatte, den man zum Lachen braucht.

PKS: Gab’s einen Moment wo Ihnen klar geworden ist: Mist, ich lache ja nie?

CE: Es gab eine Situation im Improtheater mit meiner damaligen Freundin. Die fand alles sehr, sehr lustig. Improtheater wirkt ja immer sehr spontan, wenn da aus – im wahrsten Sinne – heiterem Himmel Heiteres entsteht. In Wirklichkeit ist Improtheater nichts weiter als das Abrufen von Mustern. Die Darsteller trainieren das ja über Wochen und Monate und Jahre. Und da habe ich immer die Muster erkannt und deshalb war ich der einzige, der keinen Spaß hatte, weil ich immer gesagt habe: Pass auf, jetzt kommt gleich eine Umkehrung, Frame Merging, Tabubruch … Und ich hatte immer Recht. Aber Recht haben wollen beim Lachen ist halt nicht so der richtige Weg.

PKS: Wie haben Sie denn dann Ihren Job weiter gemacht? Man muss doch kontrollieren, ob das was man macht, gut ist – sprich, in Ihrem Fall, ob’s lustig ist.

CE: Sagen wir mal so: Der Herzchirurg kontrolliert ja auch nicht am eigenen Herzen, ob er beim Patienten alles richtig gemacht hat. Die Entscheidung, ob das, was man da fabriziert lustig ist, trifft man ja mit seinem Erfahrungsschatz. Man selbst muss dabei gar nicht lachen.

PKS: Das heißt, Sie sind gar nicht in Panik geraten?

CE: Es war weniger berufliche Panik als sozial-private. Wenn man feststellt: Alle haben Spaß, nur ich nicht. Dann ist vielleicht mit den anderen alles in Ordnung. Aber eben nicht mit mir.

PKS: Und was haben Sie dann gemacht, um das Lachen zu lernen?

CE: Ich hab dann erstmal herausgesucht, was es für Comedy-Veranstaltungen gibt und das „Normale“ aussortiert. Ich musste nicht zum Comedy-Abend mit Mario Barth gehen oder in eine klassische Theaterkomödie. Denn die sind natürlich alle nach normalen, also für mich normalen, komischen Konstruktionen gebaut. Es sollte etwas sein, was mir nicht so geläufig war. Und so bin ich zunächst mit einem Comedybus durch Berlin gefahren, ein Bus in dem ein Comedian eine Stadtrundfahrt macht und während der Fahrt lustig ist. In diesem Falle war das ein Inder, der nichts zu Berlin erklärte und sich bei den Zwischenstopps verlaufen hat. Dann wurde noch Alkohol ausgeschenkt, und da ich noch nie Alkohol getrunken habe, war das zusätzlich schwierig für mich. Wer nicht trank, wurde dann irgendwann gezwungen. Danach konnte ich mich an nichts mehr erinnern. Das war der Anfang. Ich bin das dann sehr strukturiert angegangen, bin zum Lachyoga, habe versucht Karneval mitzufeiern. Dummerweise in Hamburg. Außerdem hab ich eine Comedy-Kreuzfahrt
gemacht und bin eine Woche lang über die Weltmeere geschippert, mit Mike Krüger. Und dann hab ich irgendwann gedacht, vielleicht liegt es gar nicht am Lachen, sondern es sind innere Spannungen, die ich lösen muss, Dinge von denen ich mich trennen muss. Dann hab ich mich von meiner Freundin getrennt und von meinem Porsche und Tantra gemacht… Aber das war auch nicht so erfolgreich.

PKS: Aber der Klappentext verspricht ein Happy-End – haben Sie also gar nicht gelernt zu lachen?

CE: Das ist ja genau die Crux der ganzen Unternehmung gewesen. Die Weisheit des Buches ist, dass es manche Dinge gibt, die man nicht erreicht, wenn man sie unbedingt will. Und dazu gehört eben das Lachen. Erst als ich aufgegeben habe, gelang es mir wieder zu lachen.

PKS: Ist Comedian denn eigentlich Ihr Traumberuf?

CE: Ich bin ja kein Comedian, sondern Autor, der auch auf der Bühne steht. Man muss wissen, dass viele, viele Comedians, im Grunde die Mehrzahl, Autoren haben, die ihnen die Texte schreiben. Was nicht den Comedian in seiner Fähigkeit, andere zum Lachen zu bringen, herabsetzt. Das ist einfach eine professionelle Arbeitsteilung. Ich verstehe mich zunächst einmal als lustiger Autor, und ja, Autor ist mein Traumberuf.

PKS: Sie haben also relativ schnell gemerkt, dass Sie diese Krise wenigstens in ein Buch umwandeln können?

CE: Ja, das ist immer das Glück als Autor. Das war schon bei dem Vorgänger-Buch so. Fun-Man basiert ja auf Tacho-Man. Da hatte ich mir versehentlich einen Porsche gekauft und daraus auch ein Buch gemacht. Und so ähnlich war es auch bei Fun-Man. Ich dachte, naja, wenn’s dir schon schlecht geht, kannst Du wenigstens ein lustiges Buch drüber schreiben.

PKS: Ist es nicht hart, wenn Leute darüber lachen, dass man sich schlecht gefühlt hat?

CE: Ja…. wenn man es persönlich nimmt. Aber da man ja gerade als Komik schreibender Autor eine gewisse Distanz zu den Dingen hat, was ja auch mein Problem beim Lachen war, ist das gar nicht so schmerzvoll.

PKS: Sie zitieren in Fun-Man eine Umfrage von Comedy Central die besagt, dass Humor den Deutschen unheimlich wichtig ist. Warum, glauben Sie, ist das so?

CE: Es ist ja so, dass man, je erwachsener man wird, mit immer mehr Anforderungen des Alltags konfrontiert wird. Man muss eine glückliche Beziehung haben, man muss Kinder versorgen, Autos abbezahlen, Häuser, Ex-Partner. Da nehmen einen so viele Dinge in Anspruch und man steht irgendwann nur noch unter Druck oder Fremdsteuerung. Humor hat ja sehr viele spannungslösende Momente. Nicht umsonst hat Goebbels Anfang der Vierziger Jahre so die Komödie vorangetrieben, weil es den Leuten eben anderweitig schlecht ging. Im Grunde wollen die Leute immer gerne
Entspannung, und wohin zu gehen, wo’s lustig ist, ist immer die Suche nach Entspannung.

PKS: Funktioniert deutscher Humor eigentlich nach den gleichen Prinzipien wie französischer oder angelsächsischer?

CE: Lachen ist zunächst mal ein Reflex. Man kann es nicht steuern, und mehrheitlich fußt es auf einem Überraschungseffekt. Und das funktioniert in allen Kulturen sehr ähnlich bis gleich. Was die Unterschiede betrifft, gibt es einige spezielle kulturelle Übereinkünfte, dass man über bestimmte Dinge keine Witze macht. Bei uns Deutschen betrifft das teilweise die Geschichte. Oder es ist eine gesellschaftliche Haltung zu bestimmten Dingen. Vereinfacht gesagt: Völker, die immer schlechtes Wetter haben, nehmen eine eher ironische Haltung zu ihrem Alltag ein, zum Beispiel die Engländer, und deshalb ist da schwarzer Humor fruchtbarer, weil dort eine größere Distanz zu den Dingen herrscht. Das drückt sich auch darin aus, worüber man lacht und wo die Schmerzgrenze ist. Bei uns ist es, zumindest in der Breite, eher dieser Schenkelklopferhumor, wo es auch mal deftig zugehen darf.

PKS: Sind Sie ein typisch deutscher … ich sag jetzt nicht Comedian, sondern… komischer Autor?

CE: Von meinen Freunden mit Migrationshintergrund wird mir immer gesagt, ich sei typisch deutsch. Ich würde auf bestimmte Regeln achten und bei Rot nicht über die Straße gehen – wobei ich damit in Berlin schon wieder ein Exot bin. Aber wir Deutschen tun ja auch immer so, als seien wir das unlustigste Volk der Welt. Das stimmt ja nicht. Wenn man sich mal große deutsche Autoren anguckt wie Tucholsky oder Kästner, dann sind das sehr, sehr intelligente, lustige Texte. Loriot ist ja auch ein ganz großer, auch wenn der in fremden Ländern nicht immer verstanden wird. Aber
wieso sollten wir keinen Humor haben, den nur wir lustig finden? Und insofern ist das Klischee des unlustigen Deutschen einfach … ein Marketing-Gag.

PKS: Wer hat diesen Marketing-Gag denn aufgebracht?

CE: Ich fürchte, das kommt aus der Vermarktung des Schuldgefühls. Die Deutschen haben ja ziemlich viel Unsinn angerichtet im letzten Jahrhundert, und das wirkt bis heute fort als unterwürfige Haltung: Wir sind schlecht, bei uns ist alles schlecht – außer den Autos – und dann traut man eben auch seinem Humor nicht viel zu. Das ist das eine. Das andere ist, dass die große jüdische Humortradition, die den deutschen Humor stark beeinflusst hat, weggebrochen ist nach dem
zweiten Weltkrieg. Es gab ja in den 20ern und auch davor einen großen Einfluss jüdischer Kulturschaffender mit einem speziellen Humor, der sich durch die Verfolgung über Jahrhunderte hinweg herausgebildet hat und sehr hintergründig und bisweilen makaber war.

PKS: Machen Sie in Ihrem Job jetzt nach dieser Erfahrung irgendwas anders?

CE: Nö. Ich mache das genauso wie vorher, mit der gleichen Begeisterung, aber auch der gleichen professionellen Haltung dazu.

PKS: Fänden Sie Ihre eigenen Witze lustig, wenn Sie sie einfach hören würden?

CE: Ich finde natürlich, es sind die witzigsten Witze Deutschlands. [lacht] Nein, natürlich hat man auch mal Spaß an seinen eigenen Werken, aber gerade, wenn ich für andere schreibe, weiß ich natürlich auch, dass ich da eine Bandbreite abdecken muss, die nicht immer mein eigener Humor ist. Ich habe schon für Sendungen geschrieben, die ich im Leben nicht gucken würde. Aber mein Gott, es gibt auch genug VW-Arbeiter, die BMW fahren.

PKS: Glauben Sie, Ihre Geschichte ist ein Einzelfall unter den Leuten, die sich professionell mit Humor beschäftigen?

CE: Ich glaube, ganz in der Breite betrachtet, dass es viele Leute mit einer déformation professionnelle gibt, die also berufsgeschädigt sind. Zahnärzte gucken bei ihrem Gegenüber immer zuerst aufs Gebiss. Logopäden hören ständig nach Sprachfehlern. Das Problem bei mir war, dass man glaubt, Leuten, die lachen können, geht es gut. Im Umkehrschluss bedeutet das dann: Leuten, die nicht lachen können, geht es schlecht. Und das ist ja nicht zwangsläufig so. Ich war ja irgendwann an dem Punkt zu sagen: Warum muss ich denn lachen? Wer schreibt einem das vor? Man kann ja auch Spaß haben im Sinne von: Hey, das war ein gut gebauter Gag – das freut mich! Dann lacht man nicht, hat aber trotzdem Vergnügen am Leben. Dramatisch wird es im Grunde erst, wenn man ein Drama daraus macht. Oder ein lustiges Buch.

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