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Buchkritik: Stephen Kelman – Pigeon English (Booker Prize)

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Buchkritik: Stephen Kelman – Pigeon English (Booker Prize)

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Am 18. Oktober, nur eine Woche nach der Verleihung des Deutschen Buchpreises, findet in London eins der wichtigsten Ereignisse der internationalen Literatur-Szene statt: Der Gewinner des Man Booker Preises 2011 wird verkündet. Um uns auf den großen Tag vorzubereiten, stellen wir bis Dienstag täglich einen der sechs Shortlist-Romane vor, die eine Chance auf den Booker haben.

Pigeon English, Rechte: Berlin VerlagWorum geht’s?

Kaum ist Harri Opoku mit seiner Familie aus Ghana in einer Londoner Hochhaussiedlung eingetroffen, wird in seiner Nachbarschaft ein Junge ermordet. Sein CSI-süchtiger Freund Dean überzeugt ihn, dass der Londoner Polizei nicht zu trauen ist, und so machen sich die beiden auf eigene Faust an die Ermittlungen. Aber auch wenn die Welt in Harris Kopf ein Spiel ist – um ihn herum ist sie es leider nicht, und seine Nachforschungen haben ganz reale Konsequenzen.

PopKulturSchock denkt…

Harri hat einen ganz eigenen Blick auf seine Welt, gefärbt zum einen durch sein Alter, zweitens dadurch dass ihm London noch neu ist, und drittens durch seine ungeheure Phantasie: Das Putzmittel in der Toilette ist eine Wolke, auf die Harri wie Gott von oben pinkeln kann, und eine Taube ist seine beste Freundin.

All dies spiegelt sich in seiner Sprache wieder, dem titelgebenden „Pigeon English“ (Pidgin English ist ein einfacher Dialekt, „pigeon“ die Taube). Im englischen Original verwendet Harri Ghanesische Ausdrücke*, relativ kurze Sätze und einen sehr direkten, emotionalen Stil. Glaubhafte Kinderstimmen zu schaffen gehört zu den schwierigsten Aufgaben, die sich ein Autor stellen kann; dialektal zu schreiben ist ebenfalls ziemlich weit oben auf der Liste der Herausforderungen. Stephen Kelman gelingt beides auf einmal, und das schon in seinem Debütroman.

Aber Kelman lässt dieses Mittel nicht ins Leere laufen, sondern benutzt es, um einen ganz eigenen Blick auf die Londoner Sozialwohnungsviertel und vor allem die dort ansässigen Gangs zu werfen. Der ist gleichzeitig naiv und abgeklärt – genau wie Harri selbst, für den es ganz normal ist, dass seine Freunde schonmal jemanden „gemessert“ haben, und dessen Moralvorstellungen sich im Laufe des Romans nach und nach verändern.

Allerdings konzentriert sich Kelman sehr auf Harri, Harris Blick und das was er durch diesen Blick vermitteln will. Mehrere der übrigen Charaktere bleiben dadurch blass, allen voran Harris zahllose Freunde, die sich nur mit Mühe auseinander halten lassen – und die größtenteils keine andere Funktion zu haben scheinen, als bestimmte Elemente der Handlung in Gang zu setzen oder voranzutreiben.

Trotzdem ist und bleibt Pigeon English ein quirliges, stilsicheres, bewegendes und sehr lesenswertes Debüt.

Die Chancen:

Neben Snowdrops ist Pigeon English das zweite Debüt, das es dieses Jahr ins Finale geschafft hat. Es ähnelt mit seinem eigenwilligen kindlichen Erzähler Raum von Emma Donoghue, das letztes Jahr knapp am Booker vorbei gerutscht ist. Möglicherweise ist also dieses Jahr die Zeit für eine Kinderstimme gekommen.

Immerhin beschäftigt sich Pigeon English auf sehr effektive Art mit einer aktuellen Brennpunkt-Thematik – und ist gleichzeitig ausgesprochen unterhaltsam. Wenn der Booker nicht an Julian Barnes geht, der schon zum vierten Mal nominiert ist, könnte Stephen Kelman ihn möglicherweise mit nach Hause nehmen.

(2)

Die deutsche Ausgabe von Pigeon English ist unter dem gleichen Titel beim Berlin Verlag erschienen.

* Im Deutschen haben die Übersetzer sich sehr bemüht das zu übernehmen, aber ganz gelingt sowas ja leider nie.

Der Booker bei PopKulturSchock: 

Julian Barnes – The Sense of an Ending

A. D. Miller – Snowdrops

Patrick DeWitt – The Sisters Brothers

Carol Birch – Jamrach’s Menagerie

Esi Edugyan – Half Blood Blues

And the Booker goes to…

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  • Jarg
    15. Oktober 2011 auf 23:46

    Tss, der Zufall ist ja lustig. „Pigeon English“ habe ich heute auf Jargsblog auch besprochen … 🙂 ein beeindruckendes Buch, dem man den Preis nur wünschen kann!

  • 16. Oktober 2011 auf 14:30

    Wie lustig, da muss ich ja direkt mal gucken! Ich fand es auch sehr gut – aber einige der Konkurrenz-Bücher sind auch hervorragend. Von denen werden bestimmt auch noch einige auf Deutsch erscheinen. Mal schauen, wie es am Dienstag ausgeht!

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