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Buch-Kritik: „Raum“ von Emma Donoghue

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Buch-Kritik: „Raum“ von Emma Donoghue

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Knapp über 3 Meter sind es von einer Wand zur Gegenüberliegenden. Die 10 Quadratmeter dazwischen sind die ganze Welt des fünfjährigen Jack und seiner Ma. In ihrem ‚Raum’ gibt es eine Dachluke, ein Bett, einen Schrank, einen Tisch, zehn Bücher, einen Fernseher, einen Herd, einen Kühlschrank, eine Toilette.
Jacks und Mas Tag ist perfekt strukturiert: Lesen, Fernsehen, Basteln, Singen, Schreiben und Rechnen Üben, Putzen, Sport und jede Menge kreative Spiele.

Dass das Buch – im englischen Original mit freundlich blauem Cover inklusive unschuldiger Bauklötze – finsterer ist als es sich gibt und dass der „Raum“ eine verschlossene Stahltür hat, merkt der Leser aber spätestenswenn Ma und Jack Spiele spielen wie „Scream“, bei dem sie auf den Tisch klettern, direkt unter die Dachluke, und so laut schreien wie sie können. Oder daran dass Jack im Wandschrank schlafen muss, damit der schattenhafte Old Nick ihn bei seinen nächtlichen Besuchen nicht sieht.

Raum war noch nicht erschienen, da hat sich die englischsprachige Boulevardpresse bereits darüber echauffiert, dass hier jemand Geld mit einer menschlichen Tragödie machen wolle (sic!). Denn Emma Donoghues Roman ist angelehnt an das Schicksal von Elisabeth Fritzl, die von ihrem Vater über 20 Jahre in einem Kellergewölbe gefangen gehalten wurde und drei gemeinsame Kinder dort aufziehen musste. Mittlerweile ist der Konsens allerdings ein anderer: Raum wird gefeiert, ist gerade so am Booker-Preis vorbeigeschlittert und auf der New York Times-Liste der fünf besten Romane des Jahres gelandet. Größere Ehren gibt es auf dem englischen Buchmarkt kaum.

Taktlosigkeit oder gar Geschmacklosigkeit kann man Raum allerdings auch nicht vorwerfen. Das liegt vor allem daran, dass Emma Donoghue mit Jacks Stimme erzählt: In der Sprache eines Fünfjährigen, der unsere Realität für eine Erfindung des Fernsehers hält und nicht weiß, dass es andere Menschen gibt; für den der Tisch einfach „Tisch“ heißt, auch im Englischen groß geschrieben und ohne Artikel, wie ein Eigenname – denn dass es noch andere Tische geben könnte, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Davon, dass seine Mutter immer wieder vergewaltigt wird und dass er selbst eine Folge davon ist, weiß Jack nichts. Auch wenn dem Leser all das schnell klar wird, erlaubt dieser Handgriff Emma Donoghue, die hässlichsten Aspekte ihres Stoffes nie explizit aussprechen zu müssen.

Trotzdem ist Raum für mich ein sehr kompromissloses und mutiges Buch – gleich aus mehreren Gründen:
Erstens hat gerade Jacks naiver, eingeschränkter Blick auf seine Welt immer wieder dazu geführt, dass ich mich beim Lesen in meiner eigenen Haut nicht wohl gefühlt habe. Emma Donoghue spielt mit der unzuverlässigen Perspektive, und so können sich scheinbar harmlose Details plötzlich als weitere Schrecklichkeit entpuppen – der Schock ist umso größer.

Zweitens ist eins der großen Themen, das Emma Donoghue in Raum immer wieder diskutiert die Frage nach einem echten Zuhause. Während Ma sich verständlicherweise nach ihrer Freiheit sehnt, ist Jack gar nicht bewusst, dass er eingesperrt ist. „Raum“ ist nicht nur ein Raum, sondern sein ganzer Lebensraum. Er kennt nichts anderes und er liebt ihn: Die Möbel sind seine Freunde und er kann Tag und Nacht mit seiner Ma verbringen. Emma Donoghue stellt die Gefangenschaft also keinesfalls rein negativ dar – und gerade das beklemmt.

Am mutigsten aber finde ich, dass Raum trotz all dem unterhaltsam ist. Die Dialoge sind oft witzig, manche Szenen sind voller Situationskomik, andere sind spannend wie ein Thriller, wieder andere hoch emotional. Dass Emma Donoghue vor all diesen Gefühlen trotz des ernsten Stoffes.nicht zurückscheut, ist beeindruckend.

Auch wenn die Stimme von Jack nicht immer hundertprozentig konsistent ist und er manchmal mehr versteht als seine fünf Jahre erlauben sollten: Mehr als dass ein Autor die Perspektive des Lesers für einige Stunden verschiebt, seinen Horizont dadurch nachhaltig erweitert, und ihn dabei noch hervorragend unterhält, kann man, finde ich, nicht erwarten.

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