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Kritik: Joshua Ferris – Mein fremdes Leben (Booker 2014)

Buch
Überblick
Item Reviewed

Joshua Ferris - Mein fremdes Leben

Author
11. Oktober 2014
Originaltitel

To Rise Again at a Decent Hour

Genre

Drama, Satire

Spielt in

New York

Jahr

2014

Länge

382 Seiten

Awards

Man Booker Prize: Shortlist

Verlag

Luchterhand

Mein fremdes Leben ist eine kluge Satire, aber nicht viel mehr

Seit ein paar Jahren lesen wir regelmäßig die Shortlist des britischen Booker Prize - 
und dieses Jahr sieht es so aus, als würden wir zum ersten Mal tatsächlich 
komplett durchkommen! 
Am Dienstag den 14. Oktober wird der Booker verliehen, bis dahin stellen wir 
jeden Tag einen der Anwärter vor. Diesmal: Joshua Ferris' dritten Roman Mein fremdes
Leben.

Worum geht’s?Mein fremdes Leben (Joshua Ferris); Cover

Paul O’Rourke ist Chef einer schicken Zahnarztpraxis in Manhattan mit gepolsterten Sitzen im Wartezimmer und gut angezogener Klientel. Aber durch sein Privatleben treibt er ein bisschen ziellos, stürzt sich in dieses und jenes Hobby, verliebt sich mal hier, mal da Hals über Kopf in eine Frau (und üblicherweise auch gleich in deren ganze Familie), nur um nach ein paar Monaten das Interesse zu verlieren. Aber auch wenn er noch nichts gefunden hat, was ‘alles’ für ihn sein kann, ist er nicht unzufrieden. Auftritt Paul O’Rourke der II., ein Fremder, der Paul seine virtuelle Identität klaut, ungebeten eine Webseite für seine Praxis online stellt, in seinem Namen mailt, twittert und in Foren kommentiert. Und bald stellt sich raus, dass Paul einer seltsamen, unbekannten Volksgruppe angehören soll: den Amalekiten.

PopKulturSchock denkt:

Humor ist ja extrem subjektiv, aber trotzdem: Joshua Ferris schreibt unbeschreiblich witzig. Ein ganz großer Teil von Mein fremdes Leben spielt in Pauls Zahnarztpraxis, und  Ferris nutzt diese Szenen, um feine Beobachtungen über Typen zu machen. Die sind nicht immer subtil – die Hardcore-Bio-Eltern, die ihrem Kind jede Nacht einen Lolli in den Mund schieben, weil das arme Ding sonst so schlecht einschlafen kann zum Beispiel nicht – aber sehr treffend, und sehr pointiert erzählt.*

Paul ist ein starker Protagonist mit einer sehr einnehmenden Erzählstimme. Was im Laufe der Geschichte passiert, ist für seinen Charakter total organisch, Paul hatte nämlich schon als kleiner Junge Angst, nachts als einziger Mensch auf der Welt wach zu bleiben. Klar dass ein Charakter, der das Alleinsein so fürchtet, erstmal interessiert ist, wenn ihm eine neue ‚Familie‘ versprochen wird. Außerdem ist Paul Atheist, genau wie der Stamm, zu dem er gehören soll (letzterer sogar schon zu biblischen Zeiten).

Joshua Ferris illustriert in einem Roman, warum Menschen sich so wahnsinnig gern religiösen Gruppen anschließen, und dass das gar nicht unbedingt irgendetwas mit Glauben zu tun haben muss. Das macht er gut, alle Elemente seines Romans fügen sich elegant zusammen, und unterhaltsam und witzig ist er wie gesagt auch. Nur dürfte diese These jedem bekannt sein, der schonmal ein bisschen über Religion nachgedacht hat. Und weil sehr viel mehr dann auch nicht mehr kommt, hat mich Mein fremdes Leben dann doch enttäuscht – ganz überraschend, denn die erste Hälfte des Romans hat mich ganz schön begeistert, so sehr, dass ich meinem geplagten Mann alle zehn Seiten eine Passage vorlesen musste.

Die Chancen von Mein fremdes Leben

Genau wie Karen Joy Fowler ist Joshua Ferris Amerikaner. Und ich glaube, damit der Sieg im ersten Jahr, wo es so viel Nervosität um die Erweiterung gen Westen gibt, nach Amerika geht, müsste schon ein Überroman im Rennen sein – und dieser Überroman ist Mein fremdes Leben meiner Ansicht nach nicht. Auch experimentelle Elemente, die die meisten Booker-Jurys so lieben, gibt es hier nicht, so dass mich ein Sieg von Joshua Ferris sehr überraschen würde.

*Übrigens auch in der Übersetzung, die gerade erschienen ist. Gerade komische Texte stolpern in der Übersetzung sprachlich oft ein bisschen vor sich hin, aber Mein fremdes Leben ist kein bisschen ungelenk. Der Übersetzer heißt Marcus Ingendaay, ich ziehe meinen Hut.

Der Booker bei PopKulturSchock

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Joshua Ferris' Roman ist gut, aber vermutlich nicht gut genug, um den Booker mit nach Hause zu nehmen. Fans satirischer Alltagsbeobachtungen sollten ihn unbedingt lesen.

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