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Kritik Howard Jacobson – J

Buch
Überblick
Item Reviewed

Howard Jacobson - J

Author
12. Oktober 2014
Kommt aus

Großbritannien

Jahr

2014

Länge

327 Seiten

Awards

Man Booker Prize: Nominiert

Verlag

Jonathan Cape

Howard Jacobson versucht sich in J an dystopischer Gesellschaftskritik

Am Dienstag wird der Man Booker verliehen, neben dem Literaturnobelpreis wohl der größte Literaturpreis der Welt, 
zumindest seit diesem Jahr, denn nun sind auch amerikanische Autoren mit ihren Werken zugelassen. 
Auf den Tag der Preisverleihung zulaufend lesen wir jeden Tag einen der sechs Shortlist-Romane.

Worum geht’s?

Howard Jacobson-J - CoverIn nicht allzu ferner Zukunft, in einem abgelegenen Küstendorf in einem Land, das Großbritannien sein könnte, leben Ailinn und Kevern. Die Gesellschaft, in der sie ihren beschaulichen Alltag navigieren unterscheidet sich auf den ersten Blick gar nicht so sehr von unserer. Die Leute in J haben eine kürzere Zündschnur und fahren schnell mal aus der Haut, aber es gibt keine Hardcore-Spitzel à la George Orwell, Menschen verschwinden nicht so einfach, die Regierung mischt sich kaum in den Alltag ein. Aber bestimmte Dinge werden nicht gerne gesehen, Memorabilia aus vergangenen Zeiten zum Beispiel – und dazu zählen auch Platten, Romane, alte Möbel, Briefe oder Tagebücher. Die Vergangenheit als Gesprächsthema ist sowieso tabu, vor allem die ominöse Katastrophe „What Happened, If It Happened“, die vor einigen Generationen die Population in Täter und Opfer gespalten hat. Ailinn und Kevern begegnen sich – das heißt, sie werden einander vorgestellt, von einem Mann, den keiner von ihnen kennt – und verlieben sich ineinander. Und während in ihrer kleinen Stadt der erste Mord seit Jahren geschieht, beginnen die beiden sich zu fragen, ob sie wirklich aus freien Stücken zusammen sind.

Popkulturschock denkt

Howard Jacobson ist berühmt für seinen Witz, und obwohl J einen leichteren Ton hat als viele andere Dystopien, schimmert sein Humor hier kaum durch. Nicht nur, aber auch deshalb hatte ich am Anfang von J das Gefühl, Jacobson hätte seinem Roman Die Finkler-Frage (Booker-Gewinner von 2010)  kaum schärfer den Rücken kehren können. Aber das ist Blödsinn, denn auch wenn J in einem völlig anderen Genre operiert als Jacobsons berühmte Farce, nähert er sich darin dem gleichen Thema – nur eben aus einem anderen Blickwinkel.

Auch wenn es nie klar gesagt wird, ist nämlich ziemlich schnell klar, dass es sich beim mysteriösen „What Happened, If It Happened“ um nichts Anderes handelt als um eine Art zweiten Holocaust. Nur hat danach statt der Entnazifierung ein von oben sanktionierter, wenn nicht sogar aufoktroyierter Verdrängunsprozess stattgefunden. Damit zwischen Opfern und Tätern nicht mehr unterschieden werden kann, haben all jüdische Nachnamen angenommen, aber niemand weiß, dass es jüdische Namen sind – oder dass es Juden überhaupt gibt (oder vielmehr: gab; „What happened“ scheint definitiv stattgefunden zu haben, und war offenbar noch rigoroser als der Holocaust).

Howard Jacobsons Roman ist eine ziemlich überzeugende Illustration einer These, nämlich der, dass Menschen auch nicht glücklicher sind, wenn sie ihre Missetaten verdrängen, selbst wenn es sich um Kollektivschuld handelt wie eben beim Holocaust. Die Gesellschaft in J ist völlig naiv, aber trotzdem gewaltbereit und übersexualisiert, zumal immer ein Hauch von Schuld im Hintergrund schwelt.

Mit J geht es mir deshalb ähnlich wie vor drei Jahren mit Julian Barnes‘ Ende einer Geschichte, das den Booker dann auch gewonnen hat: Ich habe beide Bücher interessiert gelesen und bin bereichert aus der Lektüre hervorgegangen, zumal beide stilistisch einfach toll sind – aber das Erzählerische kam mir in beiden Fällen zu kurz. Der Mord, den Howard Jacobson in der Mitte von J einstreut, führt zum Beispiel nirgendwohin und ist unötig für sowohl die Handlung als auch die Illustration seiner These – als hätte er verzweifelt versucht, noch ein bisschen Handlung in J zu packen. Und aufrüttelnd, wie die ganz großen Dystopien, ist J auch nicht. Eher habe ich gedacht: Gut, dass das damals anders gelaufen ist. Aber dass die Entnazifizierung wichtig und nötig war ist jetzt auch nicht der neueste Gedanke der Welt. Vielleicht hätte Howard Jacobson seine Idee noch ein bisschen reifen lassen sollen. So ist J in meinen Augen nichts Halbes und nichts Ganzes.

Die Chancen

Ich habe das Gefühl, dass Dystopien (zumindest, wenn sie von ‚ernsten‘ Autoren stammen) tendenziell immer erstmal einen Kritikerbonus haben. Trotzdem glaube ich nicht an einen Sieg von J. Erstens hat Jacobson gerade erst gewonnen (obwohl die Booker-Jury Hilary Mantel zugegebenermaßen zweimal direkt hintereinander den Preis verliehen hat, für mich völlig überraschend), zweitens ist die Konkurrenz schlicht und ergreifend stark und für mich ganz klar stärker.

J ist noch nicht übersetzt, gerade ist bei Howard Jacobsons deutschem Verlag DVA erstmal Im Zoo erschienen.

Der Booker bei PopKulturSchock

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J ist mehr illustrierte These als Roman, aber die These selbst ist nicht stark genug, um mehr als 300 Seiten zu tragen. J ist klug, aber als Roman nicht so gut wie seine Vorgänger.

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