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Buchkritik: Dave Eggers – Der Circle

Buch
Überblick
Item Reviewed

Der Circle

Author
24. August 2014
Genre

Dystopie

Autor

Dave Eggers

Jahr

2014 (Originalversion: 2013)

Länge

560 Seiten

Internet 3.0

Dave-Eggers_Der-CircleVor der dystopischen Flut im Fahrtwasser von Suzanne Collins‘ Hunger Games (ist das ein zulässiger Metaphern-Mix?) war die Dystopie meistens keine Kulisse für spannende Abenteuer und romantische Liebesgeschichten – sondern das, was entstand, wenn ein Pessimist fragte: Was wäre, wenn?

Ich finde es immer besonders spannend, wenn der betreffende Pessimist kein etablierter Genre-Autor ist, sondern aus der Riege der ‚realistischen‘ zeitgenössischen Autoren stammt. Da kommt nicht immer was bei rum, aber manchmal, wie zum Beispiel im Fall von Gary Shteyngarts Super Sad True Love Story, ist das Ergebnis zum Fürchten. Im besten Sinn.

Umso gespannter war ich auf Dave Eggers ersten Versuch im Genre Dystopie. Der Mann bemüht sich seit Jahren um den Ruf und die Vitalität der Kurzgeschichte, indem er mehrere Literaturzeitschriften und zahlreichen Sammlungen herausgegeben hat, und mit seiner Roman-Autobiographie Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität hätte er um Haaresbreite den Pulitzer-Preis gewonnen. In Der Circle fragt er sich: Was wäre, wenn Apple, Google und Facebook nicht drei Firmen wären, sondern ein einziges Konglomerat – ein Social Media-Koloss, so mächtig, dass er das Internet und letztlich auch die Welt um sich herum frei formen kann?

Wir betreten die Welt des Circle als eifriger Neuzugang: Mae Holland, Mitte zwanzig und im College als aufstrebendes Talent gehandelt. Seither aber hat sie sich mit einem schlecht bezahlten Job ohne Zukunft in der Bürokratie einer Kleinstadt begnügen müssen. Entsprechend dankbar ist sie, als ihre beste Freundin – ein hohes Tier im Cirle – ihr einen Job in der sexiest Firma alive beschafft.

Mae verfällt dem Glitzer und Glamour des Circle sofort mit Haut und Haaren: Ihrem schicken Schreibtisch, ausgestattet mit der neuesten Technik; dem Campus, einem geschlossenen System mit Kinderbetreuung, Tennisplätzen, Shopping-Centern, sogar kostenlosen kleinen Wohnungen für die Mitarbeiter; ihren Kollegen, die vor Begeisterung für ihre Projekte fast bersten; die mysteriösen, charismatischen Chefs, die fast wie Gottheiten verehrt werden; und die Projekte selbst, an denen der Circle arbeitet. Von technologischen Entwicklungen im IT-Bereich über neue Social Media Apps und Medikamente bis hin zu Raumfahrt-Technik.

Am Anfang sind wir ganz bei ihr, der Circle wirkt wie ein Mega-Unternehmen mit humanistischer Ethik. Aber als Mae immer mehr Bildschirme auf den Schreibtisch gestellt bekommt, die ihre Arbeit auf immer umfangreichere Art kontrollieren, ihre Kollegen sich beschweren, dass sie nicht bei jeder abendlichen Aktivität dabei ist und nicht jede der Konzern-internen Nachrichten beantwortet – Mae bekommt täglich hunderte – und allerspätestens als der Circle beginnt, überall auf der Welt Kameras zu installieren, auf die jeder jederzeit zugreifen kann, ist klar, worauf Dave Eggers hinaus will.

Die meisten großen, visionären Dystopien sind genauso unangenehm zu lesen, wie sie visionär sind. Das liegt in der Natur der Sache, denn sie schildern schließlich den Verfall der Menschheit auf der Basis unserer aktuellen Defizite, und dieser Verfall beginnt fast immer mit der Kommunikation. Deshalb gibt es selten warme zwischenmenschliche Beziehungen – wenn doch, müssen sie zumindest streng geheim gehalten werden – und deshalb haben sie meist wenige starke Charaktere, wenig Drama, stattdessen Kühle.

Dave Eggers gelingt es wundersamerweise, diese Regel zu beachten – der Verfall der Kommunikation durch den Rückzug ins Digitale ist eins seiner Hauptanliegen – und trotzdem einen Roman zu schreiben, der genauso süchtig macht wie eine gut gemachte Soap: Man sieht den Zug (Mae, in dem Fall) vor die Wand fahren und muss doch hingucken.

Was das angeht, ist Der Circle ein echter Triumph: eine ernste Dystopie, die sich intensiv mit den Gefahren ihrer Zeit auseinandersetzt, und gleichzeitig als Pageturner funktioniert. Außerdem sprudelt er über vor Ideen, fast auf jeder Seite zeigt er eine neue unangenehme Facette des Circle. Trotzdem erwarte ich von einer wirklich großen Dystopie mehr. Dass sie mich in unerwartete Richtungen lenkt, mir Tendenzen und Gefahren aufzeigt, von denen ich nicht täglich in der Zeitung lese, mich mein eigenes Verhalten und meine Realität in Frage stellen lässt. Und das gelingt diesem Roman leider nicht.

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Dave Eggers illustriert die Diskussion um den gläsernen Menschen, die Gefahren der digitalen Revolution und den Wert analoger Kommunikation sehr effektiv und unterhaltsam. Aber eine wirklich neue Perspektive bleibt er schuldig.

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  • 25. August 2014 auf 11:13

    Danke für die interessante Besprechung, ich bin auch ein großer Fan von (ernsthaften) Dystopien und will den Eggers auf jeden Fall noch lesen. Eine weitere Dystopie, die ich Dir empfehlen kann, ist die MadAddam-Trilogie von Margaret Atwood, die auch konsequent zu Ende denkt.

  • 25. August 2014 auf 18:44

    Danke für den Tipp! Ich kenne von Margaret Atwood nur ein Buch, und das war ein ganz ’normales‘ Familiendrama. Da bin ich ja mal gespannt.

  • 25. August 2014 auf 18:45

    PS: Ich hoffe, ich kann dann bei Dir nachlesen, was Du von dem Eggers gehalten hast. Es gibt ja auch sehr viele Fans vom Circle, ich bin gespannt, wo Du Dich einordnen wirst.

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