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Kritik: Craig Thompson – Habibi

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Kritik: Craig Thompson – Habibi

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Eins der schönsten Bücher und die wichtigste Graphic Novel des Jahres.

Wer Craig Thompsons Graphic Novel Habibi einmal in der Hand gehabt oder sogar durchgeblättert hat, wundert sich nicht, warum er für den Nachfolger seines hochgelobten und mit Preisen überschütteten Blankets acht Jahre gebraucht hat. Eher wundert er sich, wie Thompson das in acht Jahren bewältigt hat:

Habibi ist anderthalb Kilo schwer, fast 700 Seiten lang, und selbst der tiefrote Einband ist, ähnlich wie teure Ausgaben des Korans, geschmückt mit immer wieder in sich verschlungenen Ornamenten; die Zeichnungen im Inneren sind nicht weniger aufwändig. Und Craig Thompson hat jeden einzelnen Strich selbst gezeichnet, jede Zeile seiner Geschichte selbst geschrieben.

Die spielt in Wanatolien, einer modernen aber finstereren Variante des Morgenlands aus 1001 Nacht, wo die junge Dodola als Zehnjährige in eine Ehe mit einem Mittvierziger verkauft wird. Als ihr Mann ermordet wird, beginnt für Dodola eine Odyssee, die sie in die Arme von Sklavenhändlern zahllosen Freiern, auf ein Wüstenschiff und schließlich in den Harem des Sultans treibt. So schwierig dieser Weg ist, einen großen Teil davon legt sie an der Seite von Zam zurück, ihrem neun Jahre jüngeren Ziehsohn, den sie rettet und aufzieht.

Um die Beziehung zwischen diesen beiden geht es in Habibi hauptsächlich: Wie sie sich verändert während Zam heranwächst, und wie die Sehnsucht nacheinander alles überschattet, als Dodola und Zam schließlich getrennt werden.

Aber Craig Thompson streift auf dem Weg der beiden auch andere Themen: den Wert und verschiedene Formen der Freiheit, die abnehmende Wasser- und die zunehmende Müllschwemme, Gleichheit und Rassismus, Identität, Sex zwischen Wirtschaftsgut und Liebesakt, arabische Schrift und Wissenschaft – und vor allem und immer wieder Geschichten: Wie Geschichten Zam und Dodola einander näher bringen und später aneinander erinnern, und wie ihre eigene Vergangenheit zu genau solchen Geschichten wird.

Während der Hauptstrang der Geschichte linear fortschreitet, kann jedes Detail ein Flashback oder die Erzählung einer Geschichte auslösen. Graphisch setzt Craig Thompson die mithilfe von Ornamenten bzw. schwarzer Ränder ab. Die klare Trennung hilft nicht nur uns Lesern, sich im Gewirr seines Mammutwerks zurechtzufinden, sie erlaubt Thompson auch, ohne Umschweife von einer Ebene zu nächsten zu springen und so subtil Bezüge zu schaffen, die er später in ganz anderen Kontexten wieder aufgreift.

Craig Thompson treibt das Medium Graphic Novel nicht an seine Grenzen, aber er geht sehr kreativ mit allem um was er zur Verfügung hat: Nicht nur mit der Dramaturgie, sondern auch mit der musikalischen Sprache. Mal ist sie das einzige Element in völlig leeren Panels (also Feldern), mal hält sie sich gänzlich zurück, während Thompsons klare, unglaublich detailreiche Bilder Dodolas und Zams Geschichte stumm erzählen. Auch mit den Panels selbst geht Thompson kreativ um; kaum eine Seite ist strukturiert wie die nächste, Ränder, Formen und Hintergründe passen sich oft der Handlung, der Szene oder der Stimmung der Figuren an.

Viel mehr noch als Blankets fordert Habibi seinen Leser heraus; fordert, dass man mühelos mit in die verschiedenen Erzählebenen springt und die mal mehr mal weniger offensichtlichen Bezüge zur Geschichte von Dodola und ihrem Habibi, ihrem Bruder, ihrem Geliebten nachvollzieht. Und auch wenn das zum Verständnis der Geschichte nicht nötig ist, fordert Habibi auch, dass man graphische, dramaturgische und textliche Leitmotive, die immer wiederkehren, zumindest beim zweiten Lesen erkennt und richtig einordnet. Und schließlich, dass man die eineinhalb Kilo Buch für viele, viele Stunden mit gekrümmtem Rücken auf den Knien balanciert oder sich alternativ das Handgelenk staucht.

Dafür hat Habibi aber auch viel zu geben: ein finsteres Märchen aus 1001 Nacht und gleichzeitig eine Fabel über unsere Zeit; eine sensible und dennoch dramatische Geschichte über die Beziehung zwischen zwei Menschen, erzählt in äußerst expressiven und eleganten Bildern; zwei komplexe, faszinierende Protagonisten, denen wir ungewohnt nah kommen dürfen; ein vielarmiges und hervorragend recherchiertes Buch-Monstrum über arabische Stereotype genauso wie über arabische Kultur; und ein so bewegendes Ende wie man es selten findet.

Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn Habibi es nicht in den winzigen Kreis von Graphic Novels schaffen würde, die „man kennt“, die auch Literaturkritiker schätzen, zum Kanon zählen und in Bestenlisten wählen. Verdient hätte Craig Thompson es – Habibi ist nicht weniger als ein Meisterwerk.

Die deutsche Ausgabe von Habibi ist in sehr schöner Übersetzung bei Reprodukt erschienen.

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  • 17. Oktober 2011 auf 00:59

    Ich habe eine Review auf spiegel.de gelesen, wo der Comic ja mittelmäßig weggekommen ist, aber deiner Rezension werde ich mal mehr vertrauen. Ich denke, dass ich habibi mir auch kaufen werde. Wäre dann mal zweiter Graphic Novel.

  • 17. Oktober 2011 auf 09:27

    Da bin ich gespannt, wie Du Habibi findest. Nicht dass Du nachher dem Spiegel-Rezensenten Recht geben musst und Dich ärgerst… Die englische Version ist übrigens wesentlich bezahlbarer als die Deutsche.
    Und was ist Deine erste Graphic Novel? Bin neugierig…

  • 17. Oktober 2011 auf 12:17

    Hmmf… ja, die Spiegel-Rezension hab ich auch gelesen. Die geht meiner subjektiven Meinung nach – vorsichtig ausgedrückt – komplett am Comic vorbei, und Desirées Rezension mehr zu trauen ist wahrscheinlich nicht ganz falsch.

  • 18. Oktober 2011 auf 17:39

    Das witzige ist, dass die Review auch für mich nicht sehr aussagekräftig war. Denn eigentlich hat der Bericht mich nur neugierig darauf gemacht. Die englische Version habe ich ebenfalls ins Auge gefasst.
    Mein erster Graphic Novel war „Watchmen“.

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