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Kritik Ali Smith – How to be both (Booker 2014)

Buch
Überblick
Item Reviewed

Ali Smith - How to be both

Author
10. Oktober 2014
Genre

experimentelles Drama, historisch, Coming of Age

Spielt in

Italien, Großbritannien

Kommt aus

Großbritannien

Jahr

2014

Länge

372 Seiten

Awards

Man Booker Prize: nominiert
Goldsmiths Prize: nominiert

Verlag

Hamish Hamilton

Ali Smith‘ Beitrag zur Booker-Shortlist ist großartig.

Wie in den letzten Jahren auch lesen wir 2014, auf die Preisverleihung am 14.10. zu,
alle sechs Bücher der Booker-Shortlist. Aufsehenerregende Neuerung: Dieses Jahr sind zum 
ersten Mal auch amerikanische Autoren dabei.

Worum geht’s?

Ali Smith - How to be both - CoverAli Smith‘ neuer Roman ist zusammengesetzt aus zwei ineinander verschlungenen Hälften. In der einen erwacht der Geist eines Renaissancekünstlers nach jahrhundertelangem Schlaf vor seinem wichtigsten Werk und rekapituliert sein Leben, in der anderen versucht eine Sechzehnjährige, den Tod ihrer Mutter zu verkraften. Ali Smith beschäftigt sich mit Geschlechtergrenzen und damit, wie wir sehen: Wie sehen wir Kunst, wie sehen wir unsere Mitmenschen, wie tief schauen wir? Wie sehr beeinflusst das Äußere das Innere, sei es die Seele eines Menschen oder der Kern eines Kunstwerks? Der Roman selbst ist ein Experiment, um diese letzte Frage zu beantworten. Denn dieser Roman ist in zwei Ausgaben erschienen, von außen identisch. Innen aber folgt bei der Hälfte der Ausgaben die Geschichte von George im Jahr 2013 der von Francesco de Cossa im 15. Jahrhundert – und bei der anderen Hälfte genau andersherum.

PopKulturSchock denkt:

Ich habe geschluckt, als ich diesen Roman angefangen habe. Meine Ausgabe hat mit der Renaissance-Geschichte begonnen, und der Einstieg ist nicht ganz ohne:

Ho this is a mighty twisting thing fast as a
           fish being pulled by its mouth on a hook
                 if a fish could be fished through a
                     foot thick wall made of bricks or an
            arrow if an arrow could fly in a leisurely
    curl like the coil of a snail

Ali Smith‘ fließende Sprache, der sanfte Fluss der Zeilen – das hat etwas Hypnotisches, aber leicht zu lesen sind diese ersten Seiten nicht. Es ist das Erwachen des Geistes von Francesco de Cossa, das wir da miterleben, und keine Sorge: Sobald der ganz bei sich ist, fließt der Stream of Consciousness in geordneteren Bahnen, nicht weniger lyrisch, aber viel leichter zu erfassen. Ganz ähnlich wie Karen Joy Fowler in ihrem Shortlist-Beitrag erfahren wir ein Detail erst spät, das wichtig ist zum Verständnis der Erzählung, aber anders als dort basiert nicht der ganze Roman auf diesem Twist, dazu ist How to be both viel zu reich an Bezügen, Themen und vor allem an Erzählfreude.

Ali Smith tobt sich an zwei ganz unterschiedlichen Erzählstilen aus, denn der – für mich – zweite Teil des Romans beginnt mit einem ganz anderen Sound:

Consider this moral conundrum for a moment, 
George's mother says to George who's sitting in the front passenger seat. 
Not says. Said. 
George's mother is dead. 
What moral conundrum? George says.

Wo der Teil um Francesco de Cossa ruhig fließt, sich gelegentlich in Gedanken verliert, mal einen Satz anfängt und in der Mitte abbricht, weil eine andere Idee sich in den Vordergrund drängt, hat dieser einen viel schnelleren Rhythmus: sehr heute, sehr geradeaus. Gleichzeitig hat Georges Geschichte den leicht kapriziösen, liebenswerten Unterton einer Indie-Coming-of-Age-Geschichte wie Stephen Chboskys Das ist also mein Leben (The Perks of Being a Wallflower).

Beide Teile sind toll. Francesco und George sind sehr starke Charaktere, mit Grauschattierungen und ganz viel Leben, solche die man zwischen den Lesesessions und nach dem Ende des Buchs nicht so recht verlassen kann. Sie nehmen uns mit in sehr lebendige, ganz unterschiedliche Welten, und obwohl darin fast jedes Detail anders ist, sind die Dinge, die die Charaktere tief bewegen, die gleichen. Und Ali Smith behandelt beider Leben mit der gleichen Zartheit, vielleicht sogar Zärtlichkeit.

Aber How to be both ist wesentlich mehr als die Summe dieser zwei Teile. Francesco und George „begegnen“ sich in ihren Geschichten, und sie erhellen die jeweils andere Seite, so dass die beiden Geschichten sich immer mehr ineinander verknoten, sowohl auf der Handlungsebene als auch im Geflecht thematischer Beziehungen. Was dabei rauskommt – ich bin fast versucht, es ‚Magie‘ zu nennen.

Wer den Roman von Ali Smith liest und einen leichteren Einstieg sucht als ich ihn hatte, kann übrigens einfach mit Georges Teil beginnen. Wenn der von Francesco dann beginnt, sind so viele Details schon bekannt, dass der Text viel leichter einzuordnen ist.

Die Chancen

Ali Smith steht zum dritten Mal mit einem Roman auf der Shortlist – das sollte vielleicht kein Faktor sein, aber in der Vergangenheit war so etwas immer wieder wichtig. Julian Barnes zum Beispiel hat bei seiner vierten Nominierung gewonnen, obwohl er in dem Jahr meiner Ansicht nach nicht der Stärkste auf der Liste war, und außerdem sind mindestens einer, wenn nicht zwei seiner anderen nominierten Romane heute größere Klassiker. Aber er war halt schon so oft nominiert gewesen, ohne zu gewinnen; es war an der Zeit. Es könnte bei Ali Smith jetzt auch an der Zeit sein. Dazu kommt, dass die Booker-Jury Romane wie diesen liebt: stilistisch ausgefeilt, mit experimenteller Struktur und interessanten Themen, und dann sind Form und Inhalt auch noch perfekt aufeinander abgestimmt. Die Chancen von How to be both sollten also sehr gut sein – verdientermaßen, finde ich. Ali Smith‘ neuer Roman ist kein Spaziergang, aber ein phantastisches Buch.

In Deutschland ist bislang keine Übersetzung angekündigt, aber Ali Smith‘ Bücher erscheinen bei Luchterhand und in einem der nächsten Programme wird How to be both sicher dabei sein.

Der Booker bei PopKulturSchock

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Großartiges experimentelles Drama in zwei unabhängig voneinander lesbaren Teilen. Ali Smith hat gute Chancen, den Booker diesmal mit nach Hause zu nehmen.

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