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Liebeserklärung: Alan Moores Lost Girls

Comic
Überblick
Item Reviewed

Lost Girls

Author
4. März 2013
Autor

Alan Moore

Zeichner

Melinda Gebbie

Spielt in

Schweiz

Jahr

2008 (Originalausgabe: 2006)

Länge

336 Seiten

Alice, Wendy und Dorothy sind erwachsen geworden – sehr erwachsen

Alan Moore - Lost Girls; Rechte: Cross CultIn diesem März planen wir, uns ausführlicher mit einem unser Liebling-Themen zu beschäftigen: Meta-Fiktion, Geschichten, die über sich selbst hinaus auf etwas anderes verweisen – mal in die Realität, zum Zuschauer/Leser/Hörer, mal zurück auf ältere Geschichten.

Comic-Gott Alan Moore ist ein Autor, dessen Stories immer mehrere Ebenen haben, und nicht selten ist mindestens eine dieser Ebenen metafiktiv: Mal dekonstruiert er das Genre, in dem er sich gerade bewegt (vor allem bei seinem pièce de resistance Watchmen, aber auch bei kleineren Arbeiten wie Supreme ), mal kommentiert er den Prozess des Schreibens, und mal greift er zurück auf die Literatur, die ihn geprägt hat, und funktioniert Motive und Figuren um. Das bekannteste Beispiel dafür ist die League of Extraordinary Gentlemen (Liga der außergewöhnlichen Gentlemen), ein Comic, in dem er ein illustres Grüppchen zunehmend meta-fiktive Verbrechen lösen lässt: Mina Harker aus Dracula, Ryder Haggards Abenteurer Alan Quatermain, Jules Vernes Captain Nemo, Dr. Jekyll/Mr. Hyde und später Virginia Woolfs „geschlechtsflexibler“ Orlando.

„Liebevolle“ Meta-Pornographie

Und dann ist da Lost Girls, ein dichtes, wunderschön illustriertes Netz transliterarischer Bezüge – vor allem aber, in Alan Moores eigenen Worten, „liebevolle“ Pornographie. Kurz vor Anbruch des ersten Weltkriegs treffen sich drei Veteraninnen der phantastischen Literatur zufällig in einem Hotel: Da wäre Lewis Carrolls Alice, mittlerweile längst zurück aus dem Wunderland und dem Land hinter den Spiegeln; eine reiche alte Frau, die sich skandalös offen dazu bekennt, lesbisch zu sein; Peter Barries Wendy Darling, mittlerweile verheiratete Darling-Potter, eine schüchterne Frau in den besten Jahren, gefangen in den strengen Konventionen ihrer Ehe und ihres Ehemanns. Und Dorothy Gale, das Mädchen, das in den Abenteuern Frank L. Baums so viel Zeit in Oz verbracht hat, ein gerade erwachsen gewordener rothaariger Wildfang mit unersättlichem Appetit. Die drei kennen sich nicht, aber sie erkennen sich gegenseitig als verwandte Seelen, und teils bereit-, teils widerwillig lassen sie sich auf das größte erotische Abenteuer ihres Lebens ein.

Dorothy und der Sturm

Dorothy und der Sturm

Moore stürzt die drei Charaktere nicht in eine völlig von ihren Wurzeln losgelöste Geschichte. Jede der drei Frauen erzählt den beiden anderen zunächst, was sie als Kind erlebt hat – allerdings drastisch (und sehr kreativ) uminterpretiert als pornographische Episoden. Der Löwe, die Vogelscheuche und der Blechmann begegnen Dorothy zum Beispiel auch in dieser Version der Geschichte nach einem Sturm – aber die Begegnung verläuft weit weniger unschuldig; und Alice‘ Wunderland ist eine Gruppe pädophiler Bonvivants, die sie in die Kunst des Lebens und der Liebe einweisen.

Nichts für Zartbesaitete

Alan Moore und Illustratorin Melinda Gebbie (die Moore danach geheiratet hat) haben das mit der Pornographie durchaus ernst gemeint. Die Verlorenen Mädchen sind nicht zimperlich, sondern vergnügen sich mit allen zur Verfügung stehenden Männern, Frauen und Körperöffnungen – und Moore und Gebbie zeigen das in allen Details. Es wundert mich nicht, dass den beiden Autoren nach der Veröffentlichung ein wütender Proteststurm entgegengeschlagen ist – nicht nur von den Erben James Barries, die ihr Copyright verletzt gesehen haben, sondern auch von Fans, die die Welten ihrer Kindheit lieber unberührt gewusst hätten.

Ich finde Lost Girls trotzdem fantastisch. Das schwere, großformatige Hardcover mit seinem schweren matten Papier einfach nur in die Hand zu nehmen und durchzublättern, ist schon ein sinnliches Erlebnis. Melinda Gebbie zeigt sich höchst flexibel und wandert von Stil zu Stil, je nachdem welche Optik das Geschehen am besten spiegelt. Moore versinkt tief im Kolorit des frühen 20. Jahrhunderts, zitiert Oscar Wilde oder verwebt Strawinskys Sacre du Printemps mit der Handlung. Gemeinsam erzählen die beiden jedes Kapitel außerdem in einem anderen Stil, jeweils angelehnt an einen Künstler oder Autor jener Zeit. Das ist aber nur einer der zwei Gründe, Lost Girls wieder und wieder zu lesen, bis man jede Anspielung entdeckt und verstanden hat. Der zweite ist, dass diese Geschichte so unverschämt sexy ist.

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Alan Moore ist ein Meister seines Fachs und Melinda Gebbie setzt seine clevere, erotische metafiktionale Geschichte wunderbar um.

Pop / Kultur / Schock: Ganz klar KULTUR

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