Paste your Google Webmaster Tools verification code here

Porträt-Skizze: Harlan Ellison

Buch
Überblick
Genre

Spekulative Fiktion, Erzählungen

Jahr

2014

Länge

672 Seiten

Verlag

Heyne

Meister spekulativer Kurzgeschichten & „eins der Großen Arschlöcher der Welt“

Harlan Ellison - Ich_muss_schreien_und_habe_keinen_MundHarlan Ellison ist eine lebende Legende. Das ist nicht – oder zumindest nicht nur – meine persönliche Einschätzung, sondern offiziell: 1994 hat ihn die International Horror Guild mit ihrem ersten „Living Legend Award“ ausgezeichnet.  Er hat mehr Preise gewonnen als jeder andere Genre-Autor und über 1700 Kurzgeschichten geschrieben. Er war Autor für Star Trek, Berater für Serien wie Babylon 5, und Ridley Scott wollte ihn unbedingt für das Drehbuch (des am Ende nicht von ihm verwirklichten) Dune gewinnen – eins der vielen prestigeträchtigen Projekte, die Ellison im Laufe seiner Karriere abgelehnt hat. Zahlreiche berühmte Fantastik-Autoren bezeichnen ihn als Vorbild – Neil Gaiman zum Beispiel – oder sich selbst als Fans. In seiner Heimat, den USA, wird er verglichen mit Jorge Luis Borges. Ein größeres Kompliment kann man einem Autor kaum machen.

In Deutschland nichtmal ein Geheimtipp

Trotzdem war bis vor einem Monat keins von Harlan Ellisons Werken in Deutschland im Druck – nicht eine einzige Geschichte, geschweige denn ein Sammelband. Seit etwa einem Monat hat sich das geändert: Der Heyne-Verlag hat auf über 600 Seiten 20 von Ellisons Geschichten gesammelt, alle preisgekrönt. Darunter sind seine berühmtesten Werke, die post-apokalyptische Novelle „Ein Junge und sein Hund“ zum Beispiel oder „Jeffty ist fünf“ über Jeffty, der ewig fünf bleibt oder „‚Bereue, Harlekin!‘, sagte der Ticktockmann“, ein Frühwerk im Geiste George Orwells.

Ausgewählt hat die Texte Sascha Mamczak, Lektor bei Heyne, Herausgeber von Perry Rhodan und offenbar leidenschaftlicher Ellison-Fan. Er hat Geschichten zusammengetragen, an denen sich gut ablesen lässt – sofern das überhaupt möglich ist – wer Harlan Ellison eigentlich ist: ein Mann mit vielen Facetten.

Harlan Ellison - Rechte: PrivatGenie, Mistkerl, Menschenfreund?

Jemand, der hin und wieder mal jemanden attackiert, der vor Gericht ein Copyright auf seinen Namen durchgesetzt hat, der sich in einem Interview mit Salon.com selbst als „eins der Großen Arschlöcher der Welt“ bezeichnet und in dessen Wikipedia-Artikel es einen eigenen Absatz zum Thema Rechtsstreit gibt, und der ist nicht gerade kurz. Andererseits ist Ellison jemand, der bei einer Lesung mit Q&A vorher die Reihe seiner Fans abschreitet und mit fast jedem ein paar Worte wechselt, eine Frau umarmt, die er wiedererkennt und schonmal ein paar Autogramme verteilt, und jemand, der seine Fans regelmäßig auf Youtube auf dem Laufenden hält, was er so macht, was von dem neuen Disney-Film zu halten ist und welche grammatikalischen Fehler man vermeiden sollte.

Und trotzdem zeigt er sich in seinem Werk noch vielseitiger. Alleine in diesem Band – und darin finden sich nur 20 von mehr als 1700 Geschichten – gibt es gleich mehrere postapokalyptische Szenarien, die sich kein bisschen ähneln. Es gibt Erzählungen, die in unserer Realität verhaftet sind und nur ein kleines übersinnliches Element in sich tragen, irgendwo zwischen Urban Fantasy und Magischem Realismus. Es gibt Geschichten mit fantastischem Setting und solche, die zumindest teilweise im 14. oder 19. Jahrhundert spielen. In „Die Bestie, die im Herzen der Welt ihre Liebe herausschrie“ springt Ellison von einer amerikanischen Vorstadt in den 70ern in eine unendliche ferne Dimension und dann nach Stuttgart, kurz vor Ausbruch des 4. Weltkriegs. Und das alles passiert auf elf Seiten.

Zwischen den Genres

Sein Werk wäre ein Schreckgespenst für die Bibliothekare in meiner Kinder-Bibliothek gewesen (wo Ellison zugegebenermaßen sowieso nichts zu suchen gehabt hätte): Sein Werk lässt sich weder in das Schublädchen mit den Fantasy-Karteikarten noch in das Science Fiction-Kästchen einordnen, obwohl seine Texte fast immer Elemente von sowohl dem einen als auch dem anderen haben. Für das, was er macht, gibt es bei uns keinen Ausdruck. Auf Englisch heißt es Speculative Fiction, ein Genre, das Platz für alles hat, was in unserer Welt nicht existiert.

In Ellsions Welten aber eben doch, und diese Welten entstehen innerhalb von nur wenigen Sätzen. Und dann sind sie voll da, mit Eindrücken für alle Sinne, Bevölkerung, einem Hauch von Geschichte und zumindest angedeuteten gesellschaftlichen oder politischen Implikationen. Ellisons Welten sind beseelt, sie leuchten geradezu, vielleicht von der Liebe, mit der er sie erschaffen hat.

Menschen hat Ellison dagegen weniger gern, zumindest scheint er kein besonders gutes Bild von ihnen zu haben. Das ist das eine Detail, das seine Geschichten dann doch verbindet: Im Herzen jeder einzelnen steckt Finsternis. Die Atmosphäre ist fast immer bedrückend und Ellisons Welten stehen fast alle kurz vor dem Ausbruch von Gewalt.

Zwischen den Fronten

Seine Geschichten legen schmerzhaft den Finger in die Wunden unserer Art und unserer Zeit. Manchmal greift er ganz konkret aktuelle (oder in der Entstehenszeit aktuelle) Entwicklungen auf, wie beim Ticktockmann, der die Menschheit so auf Pünktlichkeit trimmt, dass Freiheit unmöglich wird. Manchmal geht es um Fragen, die immer wieder aktuell werden, etwa wenn Jack the Ripper sich als religiöser Fanatiker outet. Und manchmal beschäftigt er sich mit den Wesenszügen, die alle Menschen teilen – allerdings nicht mit ihren sympathischen Seiten. Leider ist keine einzige der zwanzig Geschichten in den Jahrzehnten seit ihrer Entstehung ‚überflüssig‘ geworden. Selbst die, die sich mit aktuellen Problemen ihrer Zeit befassen, sind immer noch relevant.

Der Band repräsentiert Ellison und seine lange Karriere gut, bietet außerdem Kontext, denn Sascha Mamczak hat eine Einleitung geschrieben, die Lust macht, sich in die Welten des Autors zu stürzen. Allerdings ist der aktuellste Text der Sammlung von 1993 und deshalb fehlt das, was Ellison selbst als seinen „3. Akt“ bezeichnet: der Abschnitt seiner Karriere, der vor einigen Jahren begann, als Ellison mitten in einer klinischen Depression steckte und glaubte sterben zu müssen, nur um dann festzustellen, dass dem doch nicht so war. Die Depression scheint überwunden, jedenfalls ist er seit einigen Jahren aktiver denn je, überarbeitet, verlegt, liest, macht Videos, gibt Interviews und  schreibt, schreibt, schreibt. Im Mai ist er 80 geworden.

Es mag nicht angenehm sein, Ellison zu lesen. Selbst in der Sonne und mit einem Eis in der Hand kann man sich vor den Abgründen, die er aufzeigt, nicht verstecken. Aber ich würde fast behaupten: Es ist nötig.

Die erste Geschichte des Bandes, "'Bereue, Harlekin!', sagte der Ticktockmann", lässt sich 
bei verschiedenen Online-Händlern gratis downloaden. 
Bei Random House sind verschiedene Anbieter verlinkt. Die Geschichte beginnt übrigens mit 
einem langen Thoreau-Zitat. Meine Bitte: Nicht abschrecken lassen!

Eins noch: Die Texte stammen alle von verschiedenen Übersetzern, sind Jahrzehnte alt und vermutlich aus irgendwelchen Anthologien zusammen geklaubt. Aber sie sind alle, wirklich jede einzelne, außergewöhnlich gut gelungen. 

Eure Meinung zum Artikel
0%
0%
0%
0%
Kommentare
Antworten

Antwoten

}