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Graphic Novel: Sarah Leavitt – Das große Durcheinander

Comic
Überblick
Item Reviewed

Sarah Leavitt - Das große Durcheinander

Author
7. Mai 2013
Originaltitel

Tangles: A Story about Alzheimer's, my Mother and Me

Genre

Memoir

Kommt aus

Kanada

Jahr

2013 (Originalausgabe: 2012)

Länge

128 Seiten

Verlag

Beltz


leavitt-große-durcheinander-kleinEin ebenso schöner wie schmerzhafter autobiographischer Comic aus Kanada

Am Ende dieser Graphic Novel, untertitelt mit ‚Alzheimer, meine Mutter und ich‚ habe ich mich in einer seltsamen Situation wiedergefunden: Wie ein Schlosshund heulend, bestimmt zehn Minuten lang, dabei sieht mir das gar nicht ähnlich, und gleichzeitig mit dem ganz sicheren Gefühl, dass mir diese Tränen gar nicht zustehen; schließlich geht es nicht um meine Familie und auch nicht um eine fiktionale, sondern um eine, die irgendwo im Osten Kanadas lebt und all das vor gar nicht langer Zeit so oder so ähnlich erlebt hat. Und trotzdem. Ich fühle mich, als hätte Sarah Leavitt mir einen winzigen Bruchteil von ihrer Familie abgegeben.

Ich habe schon öfter darüber nachgedacht, dass kein anderes Medium für Autobiographien und Memoiren so gut geeignet zu sein scheint wie die Graphic Novel eines Comic-Autors. In einem Buch lässt er uns gezwungenermaßen den Raum, uns unsere eigenen Bilder zu machen, den Charakteren einen eigenen Ausdruck zu verleihen. An einem Film, sogar an einer Doku, sind dagegen viele andere Menschen beteiligt, er ist also nicht ganz so subjektiv und persönlich. Außerdem zeigt eine Doku weniger subjektiv, wie der Autor (oder in dem Fall Filmemacher) die Menschen um sich herum sieht, sondern eher wie sie sich tatsächlich verhalten. Die Graphic Novel erlaubt ihrem Schöpfer eine unglaubliche Subjektivität, und wenn ein Autor das nutzt, dann kommen wir Leser schmerzhaft nah an seine Geschichte heran.

Sarah Leavitt nutzt es. In ihrer ersten Graphic Novel Das große Durcheinander (Originaltitel: Tangles) erzählt sie von der Alzheimer-Erkrankung ihrer Mutter und wie ihre Familie damit umgeht. Vor allem aber porträtiert sie diese Familie. Schon nach wenigen Seiten, lange bevor die ersten Zeichen der Krankheit auftreten, hat man das Gefühl, sie zu kennen, oder zumindest doch zu wissen wie sie ticken. Ein Trugschluss natürlich. Wir wissen,  wie Sarah Leavitt denkt, dass sie ticken. Und es ist schwer, sich der Liebe zu entziehen, mit der sie die Mitglieder ihrer Familie porträtiert, selbst wenn sie ihre Schwächen schildert.

Rechte: Teri Snelgrove (Autorenfoto) + PopKulturSchock

Zum Vergrößern anklicken; Rechte: Teri Snelgrove (Autorenfoto) + PopKulturSchock

Leavitts Zeichnungen sind nicht poliert wie die eines Craig Thompson oder eines typischen Marvel-Comics, sie stehen eher den Underground-Comics der 70er nah: krakelige Schwarz-Weiß-Optik, gelegentlicher Scherenschnitt; die Panels sind rein zweckmäßig angeordnet und stehen überhaupt nicht im Dienst einer Seiten-Ästhetik, wie man es zum Beispiel aus Mangas kennt; und die Figuren sind nicht viel mehr als Strichmännchen. Vor allem haben sie Strichmännchen-Gesichter: zwei Punkte für die Augen, vier Striche für Augenbrauen, Nase und Mund. Aber mit diesen vier Strichen deckt Sarah Leavitt die ganze Palette menschlicher Gefühle ab, ohne dabei jemals plakativ zu werden. Mir war nicht klar, dass das möglich ist.

Erzählt ist Das große Durcheinander aus Sarah Leavitts Perspektive. Sie gibt dieser Erzählstime im Verhältnis zum Dialog ungewöhnlich viel Raum, auch insgesamt hat der Comic viel Text. Das ist kein Zufall, denn der erzählt die Geschichte fast im Alleingang, während die Zeichnungen sich auf die Emotionen konzentrieren. Im Text erfahren wir, was passiert und womit sich Sarah Leavitt jeweils beschäftigt. Aber im Bild lernen wir Familie Leavitt kennen.

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Das große Durcheinander ist ein ehrliches, fast schon unbarmherzig ehrliches Buch, über eine Krankheit, die wie ein Erdbeben keinen Stein auf dem anderen lässt; über Beziehungen, die sich verschieben, über Verantwortung und Schuldgefühle und vor allem übers Loslassen. Vor allem aber ist es das liebevolle wie strenge Porträt einer Familie, an der man während des Lesens, für ein paar bewegende Stunden, teil haben darf.

Pop / Kultur / Schock: Ich habe seitenlang geweint, deshalb: SCHOCK

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