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Going Libba Bray – „Ohne.Ende.Leben“

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Going Libba Bray – „Ohne.Ende.Leben“

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Irgendjemand muss Libba Bray heimlich was in den Tee geschüttet haben. Oder – und das ist wahrscheinlicher – Außerirdische haben die Autorin der ganz netten aber alles andere als genialen Trilogie „Der geheime Zirkel“ entführt und sie durch die neue Libba Bray, Autorin des soeben erschienen „Ohne.Ende.Leben“ ersetzt – einem der zynischsten, witzigsten und kreativsten Bücher, die ich seit langem gelesen habe.

„Der geheime Zirkel“ ist eine Mischung aus traditionellem Internat-Roman im viktorianischen England und Fantasy. Darin werden Gemma Doyle und ihre Freundinnen zu Hüterinnen eines magischen Reichs, in dem nicht alles so hübsch und friedlich ist, wie es scheint.

Libba Brays Debüt-Dreiteiler war sowohl in den USA als auch bei uns ein riesiger Bestseller – aber besonders inspiriert sind die Romane nicht. Die Handlung ist nett, aber an vielen Stellen vorhersehbar – und die Charaktere sind entweder stereotyp oder unglaubwürdig.

Trotzdem habe ich mich tapfer durch die immer länger werdenden Teile der Trilogie gekämpft, war am Ende froh fertig zu sein und habe mir geschworen, dass nie mehr ein Buch von Libba Bray in die Hand zu nehmen. Aber einem Buch mit dem Titel „Going Bovine“, auf dessen Cover eine Kuh mit einem Gartenzwerg unter dem Arm (naja – Vorderbein) missmutig in die Kamera starrt, konnte ich dann doch nicht widerstehen.

Der 15jährige Cameron – zu lange Arme und Beine, mürrischer Gesichtsausdruck – ist denkbar unzufrieden mit jedem Aspekt seines Lebens – und dann erfährt er auch noch, dass er eine höchst seltene und unangenehme Krankheit hat: Creutzfeld-Jacob, den gefürchteten Rinderwahn. Cameron glaubt sein Leben wäre vorbei. Aber dann taucht im Krankenhaus die Punk-Elfe Dulcie auf und schickt ihn los, die Welt zu retten. Widerwillig macht sich Cameron zusammen mit dem hypochondrischen, kleinwüchsigen Gonzo und dem sprechenden Gartenzwerg Balder (in Wirklichkeit ein nordischer Gott) auf einen absurden Road Trip quer durch Amerika.

Amerika ist in „Ohne.Ende.Leben“ allerdings nicht wirklich Amerika: Immer wieder tauchen Dinge auf, die es nicht gibt. Das Videospiel „Captain Carnage“, bei dem ich noch an Unwissenheit meinerseits geglaubt habe; spätestens bei dem Film „Star Fighter“ und „The Copenhagen Interpretation“, der berühmtesten Band der Welt, ist dann aber klar, dass Libba Bray sich diese Welt bastelt.

Durch solche Kleinigkeiten bringt Libba Bray unser Konzept von „Realität“ aus dem Gleichgewicht – und wenn Unmöglichkeiten wie Engel oder Götter in Gartenzwerg-Gestalt auftauchen, ist man erstmal bereit, sie zu glauben. Wer kann schließlich ahnen, was nun genau in Camerons Welt gehört und was nicht? Unser einziger Kompass ist nämlich Cameron selbst. Dass der nicht der zuverlässigste Erzähler ist – schon mal gar nicht, seit er dem
Rinderwahn anheim gefallen ist – etabliert Libba Bray ziemlich schnell.

Cameron ist auch nicht unbedingt der Sympathischste, vor allem am Anfang seiner Reise. Aber er ist einer der Holden-Caulfield-eskesten Charaktere, denen ich je über den Weg gelaufen bin. Überhaupt könnte man argumentieren, dass „Going Bovine“ eine halluzinogen-induzierte Variante von Salingers „Fänger im Roggen“ ist. Wie Salinger ist Libba Bray politisch unkorrekt (ein Buch über jemanden mit Creutzfeld-Jacob „Going Bovine“ – etwa ‚zum Rind werden’ – zu nennen, ist schon ziemlich furchtlos – „Ohne.Ende.Leben“, lieber dtv-Verlag, ist dagegen ein bisschen feige!); und sie ist ebenso zynisch (siehe etwa die Vanille-Shake-süchtige, bowlende Sekte).

Allerdings lässt mich der Verdacht nicht los, dass Libba Bray in der Kategorie „wahnsinnig“ nicht nur ihre Vorbilder, sondern auch die Konkurrenz mühelos übertrifft (siehe auch das unten angehängte „Interview“). Zu behaupten ihr Buch wäre kreativ ist wirklich ein Understatement: Libba Brays Figuren sind das Gegenteil von den blutleeren Geschöpfen aus dem „geheimen Zirkel“: eigenwillig, liebenswürdig, lebendig. Und auch die Situationen, in die Cameron und seine Crew geraten, sind so absurd, wie die in „geheimen Zirkel“ vorhersehbar waren.

Manchmal verliert sich Libba Bray in ihren verrückten Ideen und ihrem Sarkasmus, und deshalb muss man beim Lesen etwas Geduld mitbringen. Aber wenn das Buch zugeklappt ist, stellt man fest: Genau wie für Cameron ist für uns Leser der Weg das Ziel, und dass man den großen Twist am Ende schon ein bisschen gerochen hat, ist deshalb auch nicht so schlimm. Denn: Wow, ist das ein Weg.

PS:
Falls das Video nicht Beweis genug ist, dass Libba Bray sich endgültig von den Gemma Doyles dieser Welt verabschiedet hat: In ihrem nächsten Buch geht es um Beauty Queens, die sich auf einer einsamen Insel gegenseitig die Augen auskratzen.

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  • 13. Juni 2011 auf 18:50

    Liebe Desirée, vielen Dank für deinen Kommentar! Habe mich sehr gefreut und bin sogar ein kleines bisschen rot geworden.
    Interessanter Lesestoff… leider lese ich in der letzten Zeit viel zu wenig privat, da ich nach der vielen Fachliteratur meistens keine Lust mehr habe, überhaupt noch zu lesen. Aber für so etwas herrlich politisch Unkorrektes könnte ich durchaus mal eine Ausnahme machen…

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