Paste your Google Webmaster Tools verification code here

Das leidige Thema: Ich share, also bin ich

Musik

Kurz nach acht, fünf Reihen vor der Bühne des erstaunlich vollgestopften E-Werk. Es ist der Zeitraum, nachdem die Fans die Dreiviertelstunde Spielzeit der Vorband durchgestanden haben und die Atmosphäre langsam prickliger wird, weil der Mann, auf den die Masse seit (mindestens) eineinhalb Stunden wartet, jederzeit auf die Bühne kommen könnte. Ein seltsamer Zustand von gespannter Langeweile, während der die Langeweile die Erwartung und die Erwartung die Langeweile verschlimmern.

Zu tun gibt es während dieser Zeit wenig: Auf Toilette gehen ist keine gute Idee, wenn man Pech hat kommt man nicht mehr zu seinem Platz zurück bis alles vorbei ist. Das gleiche gilt für Getränke holen. Aber man kann sich unterhalten: mit der Begleitung oder mit den Gleichgesinnten um sich herum. Oder man kann sein Iphone zücken.

Ein paar Klicks und Schieber mit dem Daumen und das Mädel vor mir ist auf Facebook. „Bin in der vierten Reihe“ tippt sie mühsam, aber als sie fertig ist, ist Conor Oberst, der Frontmann von Bright Eyes, immer noch nicht da, aber mittlerweile haben drei Freundinnen kommentiert und warten auf Antwort. Zu schreiben, dass ja die Vorband schon fertig ist und jawohl, Conor jeden Moment kommen wird (viele Ausrufezeichen) und man so nah ist, dass man ihn fast anfassen könnte, wenn er denn schon da wäre, dauert seine Zeit. Als sie fertig ist, kommt Conor auf die Bühne und fängt an zu spielen. Das Iphone verschwindet in der Tasche, und meine Aufmerksamkeit wendet sich der Bühne zu, wo Bright Eyes alles geben.

Rechte: StejanZwei Songs später: etwas blinkt hell auf. Das Iphone ist wieder da, mit neuen Updates für Facebook („Er hat gerade Jejeune Stars gespielt. Es ist super!!!“) und für die unvermeidlichen Konzertfotos, auf denen man nachher die rechte obere Hälfte von der Nase des Bassisten und die Haare auf den Armen der anderen Fans sehen wird. Links von mir gucken zwei hübsche japanische Mädels das Konzert durch die enormen Displays ihrer Handys, während sie filmen. Etwas später fängt jemand hinter mir zwischen zwei Songs an, aufgeregt zu flüstern. Als das Flüstern nicht beziehungsweise nur für kurze Zeit aufhört und beim nächsten Song auch noch lauter wird, sehe ich mich um und mir wird klar, dass der Typ telefoniert und zwischendurch still ist, damit sein Gesprächspartner auch was vom Konzert hat. Derweil hat das Mädel mit dem Iphone eine Videokonferenz gestartet und überträgt Conor live aufs Display ihrer besten Freundin.

Kein Witz.

Ein bisschen fühlt man sich als stünde man vor dem Eiffelturm oder im Colosseum: Während vor dem inneren Auge die Menge auf den Rängen johlt, Gladiatoren bis aufs Blut kämpfen und der Kaiser auf der Empore den Daumen nach unten streckt, hasten asiatische Reisende vorbei und machen einer nach dem anderen das obligatorische Foto vor der exakt gleich Kulisse, um dann zum nächsten Highlight gekarrt zu werden.

Als hätte man weder das Colosseum noch Bright Eyes wirklich gesehen, wenn man es nicht beweisen kann, indem man andere daran teilhaben lässt, entweder per Foto oder via Facebook. Um sich nachher besser zu erinnern, braucht man die Fotos und die Status-Updates wohl kaum: Nicht in Zeiten, wo alle Songs am nächsten Tag bei Youtube hochgeladen werden, manchmal sogar von den Künstlern selbst, und das ganze meistens ein paar Monate später sowieso als Blu-Ray erscheint.

Ich hab mein Konzerterlebnis mit niemandem geteilt (außer Kai, mit dem ich dort war). Außer meiner zerknitterten Konzertkarte habe ich auch keinerlei Beweis, es gibt keinen Grund für all die Leute, denen ich nachher begeistert von dem Konzert erzählt habe, mir zu glauben. Haben sie aber. Und ich bin relativ sicher, dass die meisten von ihnen sich nicht gerne durch zweihundert verwackelte Konzertfotos und ein Video in grässlicher Qualität gequält hätten, nichtmal die, die selbst gerne dort gewesen wären (die wahrscheinlich sogar noch weniger).

Ich kann also keinen vernünftigen Grund erkennen, das ganze Konzert durchs Iphone zu erleben, die Nachteile sind dafür relativ offensichtlich: Auch der beste Multitasker kann nicht hundertprozentig da sein, wenn er in Gedanken schon das Konzert für später aufbereitet oder alle fünf Minuten Facebook auf dem laufenden hält. Auch nicht, wenn der Status und 200 Kommentare nachher bestätigen: Du warst dort.

Eure Meinung zum Artikel
0%
0%
0%
0%
Kommentare
Antworten

Antwoten

}