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Comic-Kritik: Camille Jourdy – Rosalie Blum

Comic
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Item Reviewed

Comic-Kritik: Camille Jourdy – Rosalie Blum

Author
27. Januar 2013
Kommt aus

Frankreich

Jahr

2012

Länge

364 Seiten

Verlag

Reprodukt

Wer vor Knochenschäden keine Angst hat, sollte jetzt sofort zum nächsten Buchladen rennen.

rosalie_blum

Ich sag’s direkt: Das einzig Negative, was ich über Camille Jourdys erste große Graphic Novel Rosalie Blum zu sagen habe, ist dass die Ausgabe von Reprodukt mir fast das Handgelenk gebrochen hat, weil die ursprünglich dreibändige Geschichte gesammelt erschienen ist, und twar auf schönem, luxuriös dickem Papier.

45JDie Geschichte ist schlicht: Der schüchterne Vincent läuft eines Tages einer Frau über den Weg, die ihm irgendwie bekannt vorkommt. Ohne dass er es selbst so recht mitbekommt, entwickelt er eine – immerhin harmlose – Obsession und folgt Rosalie auf all ihren Wegen. Bis sie plötzlich in seinem Frisörsalon steht.

Aber Camille Jourdy hat ein paar Twists in der Hinterhand und bevölkert diese Geschichte außerdem mit so starken, glaubhaften und verschrobenen Charakteren und mit so vielen liebevollen Details, dass sie quicklebendig wird.

Da ist Vincents Mutter zum Beispiel, die sich mit selbst gebastelten Handpuppen im Wandschrank ein schöneres Leben zusammenspielt – zum Beispiel eins, in dem Vincent gelähmt und für immer von ihr abhängig ist. Oder der Mitbewohner von Rosalies Nichte Aude (sein Name: Mitbewohner), ein Kleinkrimineller mit künstlerischen Ambitionen.50J

Durch die Struktur wird Rosalie Blum noch runder: Der erste Band ist aus der Perspektive von Vincent erzählt, der zweite aus der von Rosalies Nichte, der dritte folgt allen drei Charakteren. Und beim zweiten Lesen merkt man, wie viel von dem, was später passiert, in kleinen Details und im Hintergrund des ersten Bandes schon angelegt ist.

Jourdy hat aber vor allem ein phantastisches Gespür dafür, was sie mit Worten und was mit Bildern am besten transportieren kann. Wo und wann die Geschichte genau spielt zum Beispiel, wird mit keinem Wort erwähnt; trotzdem hat man das kleine Städtchen nach vielleicht 20 Seiten im Blut: kleine Gässchen, Blümchentapete, ein Kran hinterm Kirchturm, Tante Emma-Läden.

Verliebt in den Zeichen-Stil

Ihre Zeichnungen sind (genau wie das Lettering) in einem typisch französischen, sehr charmanten Krakelstil: cartoonige Gesichter mit Knubbelnasen, ungleichmäßige, sehr natürliche Linien. Details im Hintergrund sind manchmal nicht mehr als farbige Kleckse, deren Form erahnen lässt was sie darstellen. Trotzdem transportiert Jourdy in ihren Zeichnungen mühelos Emotion. Vor allem die Gesichter drücken mit wenigen Strichen enorm viel aus.

19JUmso genauer und detailverliebter geht Camille Jourdy mit ihrem Seitendesign um: Jede Seite ist perfekt ‚durchgestylt‘ und hat oft ihre ganz eigenen erzählerischen Mittel: Sie schichtet mal Cinemascope-artige Panels in einheitlichem Farbschema untereinander, zeigt ihre Figuren mal frei, ohne Hintergrund, in mehreren nur gedachten Panels direkt nebeneinander (etwa im Bsp. mit dem Fernseher), mal ist ihre Geschichte über zwei Seiten hinweg stumm, auf anderen ist der Text ein wichtiges Element des Layouts. Jourdys Pièces de Resistance aber sind die Seiten, auf denen sie einen Schritt von ihren Charakteren zurücktritt und sie überlebensgroß in ihrer Umgebung zeigt. Nicht nur sind die detailverliebten Zeichnungen hinreißend schön, sie sagen außerdem mehr über die Stimmung der Charaktere als Seiten und Seiten von Text.

Es ist mir schleierhaft, warum Rosalie Blum in den Feuilletons untergegangen ist. Ja, Jourdys Geschichte ist nicht zynisch, politisch oder besonders kantig; sie ist ist klein und warmherzig. Sie erzählt von Figuren, die die Welt sicherlich nicht aus den Angeln heben werden, die vielleicht niemals aus ihrer kleinen Stadt herauskommen werden, geschweige denn aus ihrer Haut. Aber sie erzählt von ihnen so ehrlich, so scharfsinnig, dass in dieser Graphic Novel letzten Endes nicht weniger über die condition humaine gesagt (oder besser: gezeigt) ist wie in den großen Vertretern des Genres.

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