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CD-Kritik: Tori Amos – Night of Hunters

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CD-Kritik: Tori Amos – Night of Hunters

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Rechte: Deutsche GrammophonHuch? Singer/Songwriter–Art Rock–Alternative-Veteranin Tori Amos hat das Label gewechselt. Bis hierhin nichts Besonderes. Aber ihr neuer Zuhause ist nicht eines der vielen Indie-Labels da draußen, sondern die Deutsche Grammophon, die sich auf klassische Musik spezialisiert hat.

Auch wenn Tori Amos schon als Kind Unterricht an einer Musikhochschule hatte und phantastisch Klavier spielt: ihre Musik hat mit Klassik nichts zu tun. Warum die Deutsche Grammophon Night of Hunters trotzdem verlegt, erklärt ein Aufkleber an der CD: Tori Amos verwendet Themen von klassischen Komponisten, bearbeitet und variiert sie. Die Stücke, die dabei herausgekommen sind, sollen einen „Lieder-Zyklus für das 21. Jahrhundert“ in der Tradition romantischer Komponisten bilden. Also: Ein Konzeptalbum, komplett mit zwei weiteren Stimmen (Tori Amos‘ Tochter und ihrer Nichte).

Instrumentiert ist das Album allerdings ungewöhnlich: Tori Amos‘ Bösendorfer-Flügel ergänzen Blasinstrumente: Oboe, Klarinett, Flöte, Fagott und Englischhorn in verschiedenen Kombinationen, gelegentlich kommt dazu noch ein dezentes Streicher-Solo.

Gott sei Dank hat Tori Amos wohlweislich die Finger von Stücke wie Beethovens Mondscheinsonate oder dem „Freude schöner Götterfunken“-Thema gelassen, die schon tausendmal verwendet und oft vergewaltigt worden sind. Die meisten Stücke, die sie ausgesucht hat, sind zwar nicht ganz unbekannt, aber eben auch nicht jedem im Ohr: Die bekanntesten sind wohl „Das alte Schloss“ aus dem Zyklus Bilder einer Ausstellung von dem russischen Komponisten Modest Mussorgsky und ein Preludium von Bach; auf der anderen Seite finden sich aber auch unbekanntere Stücke von Komponisten wie Enrique Granados oder Charles-Valentin Alkan. Obwohl sich diese Musik stilistisch zwischen Barock und Romantik bewegt und also immerhin 300 Jahre Musikgeschichte abdeckt, gibt es eine Gemeinsamkeit: Die Stücke sind entweder direkt für Klavier geschrieben, oder es gibt eine Bearbeitung für Klavier.

Vom Klavier ausgehend hat Tori Amos sich die Musik zu eigen gemacht, und zwar mit unterschiedlichen Methoden: Einige wenige Stücke hat sie hauptsächlich neu arrangiert und mit einem Text versehen:

Das Original:

youtube=http://www.youtube.com/watch?v=Z4XdkvV0eV0&w=320&h=42

Bei manchen variiert die Gesangsmelodie Fragmente der Melodie-Linie und entwickelt sie in eine andere Richtung, so wie bei Snowblind, das Enrique Granados kleinem spanischen Stück „Añoranza“ eine völlig andere Stimmung gibt:

Das Original:

youtube=http://www.youtube.com/watch?v=WKicsHpigrY&w=320&h=42

Bei einigen Stücken aber entfernt sich Tori Amos wesentlich weiter vom Original und benutzt das musikalische Material nur in der instrumentalen Begleitung und als Inspiration für die Gesangslinie:

Das Original:

youtube=http://www.youtube.com/watch?v=VO80Ras4dXE&w=320&h=42

Herausgekommen ist bei all diesen Experimenten Musik, die erstaunlicherweise hundertprozentig nach Tori Amos klingen: Einerseits dadurch, dass die Stücke alle auf dem Klavier basieren (auch wenn die anderen Instrumente einen gewaltigen Teil der Arrangements übernehmen) und andererseits dadurch, dass Tori Amos ein hervorragendes Gefühl dafür hat, Melodien entweder so auszuwählen, dass sie unverwechselbar nach ihr klingen, oder sie entsprechend zu verändern. Ich weiß nicht, wie sie es gemacht hat, aber Stücke wie Nautical Twilight klingen einfach mehr nach „1000 Oceans“ als nach Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Auch, dass ihre Tochter einen großen Teil der Vocals übernimmt, macht das Album nicht weniger zu einem Tori Amos-Album. Ihre Tochter Natashya Hawley klingt trotz ihrer elf Jahre (!) nicht wie ein Kind, sondern wie eine erwachsene, erfahrene Sängerin mit einem sehr unschuldigen Timbre. Obwohl ihre Stimme ganz anders klingt als die ihrer Mutter, ist die Gesangstechnik so ähnlich, dass man das Gefühl hat, im Duett zwei Seiten derselben Medaille zu hören.

Ein neues Genre ist Night of Hunters trotzdem – nicht nur neu für Tori Amos, sondern sogar relativ neu für den Crossover (nicht den HipHop/Rock-Crossover, sondern den zwischen sogenannter „U“- und „E“-Musik, also Unterhaltungs- und Ernster Musik). Normalerweise bedient sich Crossover zwar Elemente aus dem jeweils anderen Genre, aber es ist doch fest entweder in Pop, Rock oder Jazz oder in der anderen Seite, der Klassik, verhaftet. Night of the Hunters balanciert genau zwischen beiden Stilen: Die Begleitung bleibt oft nah am Original oder zumindest in der Klangwelt des Originals, während Amos‘ Gesang genau das ist, was sie die letzten 20 Jahre gemacht hat: anspruchsvoller Pop.

Night of Hunters ist kein vollkommen perfektes Album: Nicht jede Bearbeitung ist gleich gut gelungen, das Thema von Saties Gnossienne Nr. 1 zum Beispiel trägt einfach nicht über die achteinhalb Minuten, auf die Tori Amos es in „Battle of the Trees“ ausdehnt. Und in „Cactus Practice“ passiert einfach zu viel: zwei sehr eigenwillige Gesangsstimmen, begleitet von einem kompletten Chopin-Nocturne, das normalerweise für sich steht, ertränken sich gegenseitig.

Trotzdem ist es das aufregendste Album, das Tori Amos seit bestimmt fünfzehn Jahren veröffentlicht hat, vielleicht das beste seit Under the Pink. Ihre Stimme und ihre Gesangstechnik sind nie besser gewesen, dasselbe gilt für ihr Klavierspiel. Die Holzbläser und die Stimmen von Tochter und Nichte sind eine sehr willkommene Ergänzung ihrer Klangfarben, und die Harmonik der Original-Kompositionen – oft komplexer als die der letzten Alben – passt hervorragend zu Tori Amos‘ Musik.

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  • yvonne scheil
    19. Dezember 2011 auf 18:44

    Tori, ein wundervolles meisterwerk ist dir gelungen,habe zwar bisher erst einige lieder auf you tube gehört…doch das genügte vollkommen,um mich dafür zu entscheiden. Da bekomme ich eine gänsehaut nach der anderen, wegen dem Grossen Geist, der auch so fühlbar anwesend ist und menschen ,die dafür offen sind ,trost und hoffnung gibt,weil etwas sehr traumatisches in ihrem leben passiert ist …
    ich danke Gott, daß es es dich gibt, Tori.

  • Yvyn
    9. Januar 2012 auf 02:45

    es gibt gar nichts an tori, noch an ihrer musik zu kritisieren, sie ist einfach ein wundervoller,
    lieber mensch. Loreena McKennith und Enya ebenfalls.
    Wer etwas oder irgendwen kritisieren möchte, sollte vorher bei sich selbst damit beginnen,
    ja.Meinen Segen dazu…

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