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CD-Kritik: Steven Wilson – Grace for Drowning

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CD-Kritik: Steven Wilson – Grace for Drowning

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Workaholic?

In den letzten zwei Jahren war er mit (seiner Hauptband) Porcupine Tree und Blackfield im Studio und auf Tour, hat die neue CD der israelischen Folklore-Metal-Band Orphaned Land produziert, einen Song mit der Electronic-Rockband Pendulum und ein ganzes Album mit Opeth-Sänger Mikael Akerfeld aufgenommen (erscheint 2012) und nebenbei die neuen Alben von Opeth und Anathema, sowie die halbe Diskographie der 70er Prog-Giganten King Crimson abgemischt. Und da seine Projekte No-Man und Bass Communion gerade Pause machen, hat er Zeit gefunden, ein zweites Soloalbum aufzunehmen.

Ja, Steven Wilson ist ein Workaholic.

Aber obwohl er gefühlte 400 Tage im Jahr im Studio und auf der Bühne verbringt und auch offenbar nicht schläft, scheint die Qualität seiner Arbeit darunter nicht zu leiden. Drei Jahre nach seinem ersten Solo-Album Insurgentes hat er jetzt die Doppel-CD Grace for Drowning aufgenommen, und die klingt so rund, als hätte er sich ein Jahr lang mit nichts anderem beschäftigt. Wie schon bei Insurgentes vermischt Wilson verschiedenste musikalische Einflüsse und lässt, noch mehr als beim Vorgänger, den Songs freien Lauf, egal ob das zwei oder 23 Minuten bedeutet.

Der namensgebende Opener Grace for Drowning kehrt mit leisem Piano (gespielt von Dream Theaters Jordan Rudess) und Steven Wilsons unverwechselbaren Vokalharmonien die stillere und melancholischere Seite seines Sounds nach vorne.

Die gut 80 Minuten, die darauf folgen, bewegen sich mühelos zwischen Avantgarde, Jazz, Drone-Music, Prog und Ambient-Pop. Auch wenn Steven Wilson immer wieder kurz das musikalische Territorum von Porcupine Tree und No-Man streift, entfalten die Songs eine ganz eigenen Atmosphhäre. Grace for Drowning ist zwar offiziell kein Konzeptalbum, aber die Tracks greifen perfekt ineinander. Wilson war schon immer bekennender Feind der Playlisten-Kultur und auch Grace for Drowning ist ganz klar als Album konzipiert, nicht einfach als Sammlung von Songs. Die Musik hat einen eleganten und sehr natürlichen dramaturgischen Fluss – aber eben nur wenn man sie in der richtigen Reihenfolge hört.

Trotzdem funktionieren aber ein paar der Songs auch für sich, zum Beispiel das bombastische – und überraschend kurze – „track one“ (übrigens der zehnte Track auf dem Album):


In nur vier Minuten wechselt Wilson mühelos von einem einfühlsamen akustischen Teil über einen eindringlichen Part mit Tribal-Trommeln und Drone-Sounds zu einem Gitarren-Outro, das gleichzeitig pschedelisch und jazzig klingt. Als Kontrast dazu hat das melancholischepostcard“ einen starken Snow Patrol–Vibe.

Vor allem aber merkt man aber, dass Steven Wilson in den letzten Jahren viel Zeit mit der Musik von King Crimson verbracht hat. Ähnlich wie die Giganten des experimentellen Prog streut er furchtlos Jazz- und Avantgarde-Elemente in seine Musik ein. Dabei arbeitet er zum größten Teil mit Musikern, die selber aus dem Jazz kommen und hat sich mit Ex-King Crimson-Mitgliedern Tony Levin, Pat Matelotto und Trey Gunn außerdem „an der Quelle“ bedient. Der Höhepunkt des Albums ist das gewaltige Epos „raider II“, mit einschüchternden 23 Minuten der mit Abstand längste Song auf Grace for Drowning. Während schon der Rest des Albums – wie übrigens auch die aktuelle CD von Opeth – Anklänge von King Crimson hat, ist „raider II“ gespickt mit direkten Crimson-Zitaten. Zum Beispiel ruft der Gesang über dem „raider“-Hauptmotiv unmittelbar King Crimsons „Circus“ in Erinnerung, klingt aber wesentlich finsterer.

„raider II“ dient als eine Art musikalischer Showdown für das gesamte Album, in dem Wilson die verschiedenen Stimmungen miteinander verwebt und so geschickt die Fäden zusammenlaufen lässt. Das monströs komplexe Arrangement profitiert dabei sehr von Wilsons Fähigkeiten als Produzent. Grace von Drowning ist die Antithese zum Loudness War – keine Angst vor leisen Tönen, aber gleichzeitig druckvoll, dynamisch und glasklar, so dass keine noch so kleine Nuance verloren geht. Aber so gut der Mix auch ist, es sind vor allem Wilsons Fähigkeiten als Songwriter und sein Gefühl für Dramaturgie, die das Album zu wesentlich mehr als der Summe seiner Teile machen.

Noch mehr als Insurgentes ist es fast unmöglich, Grace for Drowning beim ersten Hören zu erfassen. Eine Handvoll Songs stechen sofort heraus, neben „track one“ und „postcard“ auch das ambiente Popstück „no part of me“, das melancholische „deform to form a star“ und der (für Steven Wilson-Verhältnisse) unbeschwerte Rausschmeißer „like dust I have cleared from my eye“.

Der ist als Kontrast nach den 23 Minuten Finsternis von „raider II” ein effektiver Abschluss für Grace for Drowning und macht Lust darauf, das Album direkt wieder von vorne zu hören.

Aber auch wenn eine Reihe von Songs für sich herausragend sind, ist es der Gesamtzusammenhang, der das Album zu etwas ganz Besonderem macht. Eine musikalische Reise, die in sich noch kohärenter ist als das letzte Porcupine Tree-Epos The Incident.

Jedenfalls hat sich Steven Wilson einen Urlaub verdient. Oder zumindest ein paar Stunden Schlaf.

Zur Blu-ray: Grace for Drowning ist das erste Album, das neben der CD auch zeitgleich auf Blu-ray erscheint. Für Besitzer eines Blu-ray Players und einer Surround-Anlage lohnt sich diese Version auf jeden Fall. Das komplette Album ist (zusätzlich zu Stereo) in hochauflösendem 5.1 DTS-HD MA abgemischt und klingt so nochmal um Längen besser. Außerdem kommen Käufer der Blu-ray in den Genuss von 6 Demos, 5 Videos (Ton und Bild in HD) und zwei exzellenten Bonus-Tracks aus den Grace for Drowning Sessions.

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