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CD-Kritik: Kate Bush – 50 Words for Snow

Musik

Nachdem man Kate Bush vor ein paar Jahren schon im Vorruhestand wähnte – ihr letzter richtiger Hit „This Woman’s Work“ stammt von 1989 – gab sie mit dem Doppelalbum Aerial 2005 nochmal ein unerwartetes Lebenszeichen von sich. Weitere sechs Jahre später überrascht die Sängerin nun mit direkt zwei neuen Veröffentlichungen: Die erste ist Director’s Cut, eine Sammlung neu aufgenommener und überarbeiteter Songs der Alben The Sensual World und The Red Shoes und der erste Output auf Bushs eigenem Label „Fish People“.

50 Words for Snow ist dagegen ein „richtiges“ Album, dessen sieben Songs sich alle um das Thema Schnee drehen. Schon die ersten Tönen zeigen, dass 50 Words nicht das Album ist, mit dem Kate Bushs Fans gerechnet haben. Man hört nach wie vor ihr unverwechselbares Stimmtimbre, die zarten Klavierarrangements und nachdenklichen (wenn auch nicht immer ernsten) Texte, aber diese Klangmerkmale sind in eine neue Form gegossen. Statt der knappen Popstrukturen vergangener Alben gibt es diesmal sieben ausufernde, atmosphärische Kompositionen, die an Klangkunstwerke wie Together We’re Stranger von No-Man oder Talk Talks Laughing Stock erinnern.

Kompakten Pop-Songs den Rücken zuzukehren ist ein großer Schritt für Bush, ein Abstecher in musikalisches Neuland, aber die Sängerin, die mittlerweile auf mehr als 30 Jahre Karriere zurückblickt, fült sich hörbar wohl in ihrer Haut.

Schon der erste der sieben überlangen Tracks, getragen von einem entspannten Klavierthema, zeigt deutlich, dass Bush nicht mehr an Hooks interessiert ist, sondern Stimmungen erzeugen und Geschichten erzählen will. „Snowflake“ lädt dazu ein, sich zurückzulehnen und auf die Musik einzulassen. Wer keine Geduld hat und nur schnell ein paar Töne zwischen der Zeitung und dem Kaffee am Morgen hören will, ist mit dem Song – und dem Album – denkbar schlecht beraten.

Überhaupt gehen die Uhren auf 50 Words for Snow etwas anders. Das tieftraurige „Lake Tahoe“ ist ein kleines Kunstwerk für sich; hier lässt sich Kate Bush ohne Rücksicht auf konventionelle Songtrukturen von der Stimmung der Musik treiben und klingt dabei mal meditativ, mal jazzig und sogar etwas atonal.

Die zwei Tracks in der Mitte des Albums klingt im Vergleich dazu fast konservativ. Das fast viertelstündige „Misty“ ist ein epischer, swingender Cousin des Tori Amos Songs „Winter“ (der übrigens auch mit dem Wort „Snow“ beginnt)  während „Wild Man“ klingt wie ein rhythmischer Popsong – oder zumindest was bei Kate Bush als Pop durchgeht – und hat vor allem durch den Background-Gesang von Andy Fairweather-Low einen leichten David Bowie-Vibe.

Der am wenigsten bemerkenswerte Track des Albums ist „Snowed in at Wheeler Street“, ein theatralisches Duett mit Elton John. Der Song ist zwar für sich gesehen alles andere als schlecht, fühlt sich aber im Gesamtkontext ein bisschen nach Bonus Track an und bremst den Fluss des Albums.

Das nimmt mit dem vorletzten Song allerdings wieder Fahrt auf. Das verschrobene Titelstück „50 Words for Snow“ greift die (falsche) Behauptung auf, dass Eskimos unzählige Wörter für Schnee haben. Bush lässt über der pulsierenden Musik ihre 50 absurden Wortschöpfungen wie „shnamistoflopp’n“ und „Zhivagodamarbletash“ mit wechselnden Akzenten von Stephen Fry rezitieren.

Mit dem Abschlusssong begibt sich Kate Bush zum ersten Mal zurück auf vertrautes Terrain.  Die einfühlsame und wunderschöne Klavierballade „Among Angels“ hat Anklänge an „This Woman’s Work“.

Auch wenn 50 Words for Snow anders klingt als gewohnt: Kate Bush ist immer noch Kate Bush: Sie greift immer wieder Stimmungen aus früheren Songs wie „The Fog“ von The Sensual World auf oder spielt auf die abseitigeren Klänge von The Dreaming und Never For Ever an. Das Album ist aber eben keine zwingende Fortsetzung ihres bisherigen Schaffens, sondern viel jazziger, avantgardistischer und vor allem entspannter, als man erwartet hätte. Kate Bush 2011 ist weder das junge Mädchen, das in den 70ern mit piepsiger Stimme „Wuthering Heights“ gesungen hat, noch der Popstar der in den 80ern einen Hit mit „Running up that Hill“ hatte – auch wenn ihre außergewöhnliche Stimme seitdem kein bisschen nachgelassen hat.

Der Unterschied ist, dass sie inzwischen nichts mehr beweisen muss. Bush lebt seit Jahrzehnten zurückgezogen, geht nicht mehr auf Tour und gibt so gut wie keine Interviews. Mit 50 Words for Snow, komplett alleine geschrieben und produziert, schlägt sie einen sehr eigenen musikalischen Weg ein, auf dem ihr sicher nicht jeder folgen wird – nicht mal alle ihre Fans. Das Album verlangt viel Ruhe und Geduld – die Tracklänge beträgt im Schnitt zehn Minuten.

das neue Album ist auch kein perfekter Einstieg für Kate Bush-Neulinge; da eigenen sich The Sensual World, Hounds of Love oder das Debüt The Kick Inside besser. Stattdessen bietet 50 Words for Snow etwas, das in den letzten Jahren echten Seltenheitswert hat: Die Freude, ein Album Schritt für Schritt zu entdecken, wenn die Songs beim mehrmaligen Hören endlich „klicken“ und sich plötzlich ihre Schönheit erschließt.

 

 

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  • 26. November 2011 auf 19:04

    „Aerial“ mochte ich schon sehr, und „50 words for snow“ klingt so verlockend, dass ich wahrscheinlich nicht werde widerstehen können..:-)

    • 26. November 2011 auf 19:16

      Kate Bush widerstehen? Unmöglich! 🙂
      Das Album ist allerdings schon sehr anders als der Vorgänger. Aerial hat mir auf Anhieb gefallen, aber mit 50 Words For Snow konnte ich bei den ersten paar Durchläufen erst mal nicht viel anfangen.

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