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CD-Kritik: Dream Theater – A Dramatic Turn of Events

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CD-Kritik: Dream Theater – A Dramatic Turn of Events

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Reise in die Vergangenheit

Das Ende einer langen Beziehung ist oft wie eine kleine Midlife-Crisis. Zuerst kommt die Bestandsaufnahme – Was habe ich in den letzten Jahren verpasst? Wer bin ich eigentlich? – gefolgt von einer äußerlichen Verjüngung (meistens durch einen Friseurbesuch oder einen neuen Sportwagen).

So in etwa müssen sich auch die New Yorker Prog-Metaller Dream Theater gefühlt haben, als sie sich 2010 nach mehr als 25 Jahren von Schlagzeug-Legende und de-fakto Bandleader Mike Portnoy getrennt haben. Die metaphorische Tinte auf der Scheidungsurkunde war noch nicht trocken, da hatte die Band mit Mike Mangini schon einen „Neuen“ – und die erklärte Absicht, ihrem Sound eine Adrenalinspritze zu verpassen, die alle Frisuren und Autos in den Schatten stellt.

Rechte: Roadrunner

Schnittiger als ein Besuch beim Friseur: Der „Neue“ – Mike Mangini (links)

Nachdem der bereits auf einer Handvoll Konzerten und der Vorab-Single „On the Backs of Angels“ (siehe Kurzreview) bei Fans einen guten Eindruck hinterlassen hat, kommt jetzt die Feuerprobe: Das erste Portnoy-freie Album, das zwar ein etwas missglücktes Cover, aber dafür einen passenden Titel hat: A Dramatic Turn of Events.

Auch wenn er keinen kreativen Input hatte – die Schlagzeug-Parts waren geschrieben, bevor er sich der Band angeschlossen hat – macht Mangini auf A Dramatic Turn of Events eine durchweg gute Figur, ohne dabei den Stil seines Vorgängers zu kopieren. Die Drums sind im Vergleich zu den letzten Alben etwas leiser abgemischt, was den Sound der Band ausgewogener macht.

Beim besagten Opener “On the Backs of Angels”, der auffällig nach dem 1992er Album Images and Words klingt, haben Dream Theater den Metal-Anteil gegenüber den letzten Veröffentlichungen kräftig zurückgeschraubt – und auch beim Rest des Albums bleibt das so. Ähnlich wie beim letzten Soloalbum von (Sänger) James LaBries verwenden  sie gelegentlich eine Kombination von „handgemachten“ und programmierten Sounds, die fast an Nu-Metal erinnert.

Insgesamt klingen Dream Theater auf A Dramatic Turn of Events zwar proggiger als seit langem, aber eben auch – Puristen sollten sich jetzt lieber hinsetzen – poppiger. Zum Beispiel bei „Breaking all Illusions“:

In den letzten Jahren war die Band nicht gerade spendabel mit ohrwurmtauglichen Melodien und scheint das jetzt in einem Schwung nachholen zu wollen. Obwohl ist keiner der neu(e)n Songs übermäßig radiotauglich ist; haben sich Dream Theater besonders bei den Hooks und Gesangsmelodien ausgetobt und dem Songwriting klare Priorität eingeräumt.

Neben „This is the Life“ lädt auch der letzte Track zum Mitsingen ein. „Beneath the Surface“ ist eine nostalgische Prog-Ballade mit analog (sprich nach 70ern) klingenden Keyboards. Gerade im Schlussteil zeigt Sänger James LaBrie ungewohnt viel Gefühl. Der Song hat zwar einen dick aufgetragenen Streicherteppich, aber das gehört einfach zum Programm. Sich bei Dream Theater über Kitsch zu beklagen ist ungefähr so sinnvoll wie Motörhead vorwerfen, dass sie zu laut sind.

Songtexte waren nie die Stärke der Band; diesmal sind sie aber besser als seit langem. Offenbar hat das negative Fan-Feedback zu Perlen wie „The Count of Tuscany“ („A bearded gentleman – HISTORIAN!!!“) Früchte getragen. Die besseren Texte sind aber nicht die einzige Rückbesinnung auf die goldenen 90er; der Bass ist zum ersten mal seit langem wieder im Mix zu hören, die Gitarrensoli sind zum Teil jazziger (!) und überhaupt kreativer als gewohnt und Keyboarder Jordan Rudess scheint hier und da die Sounds von Ur-Keyboarder Kevin Moore ausgegraben zu haben, zum Beispiel bei „Lost Not Forgotten“:

Bei allen Neuerungen und Rückbesinnungen klingt A Dramatic Turn of Events vor allem wie eins: Ein Dream Theater Album – und zwar ein verdammt gutes. Keiner der Songs lädt zum Überspringen ein und auch die langen Instrumentalpassagen klingen frisch, inspiriert und sind – wie immer – virtuos gespielt.

Auf den letzten paar Alben hat es ihnen eindeutig am Selbstbewusstsein der frühen Jahre gefehlt und selbst wenn sie mal nicht versucht haben, Muse oder Pantera zu emulieren, klang die Musik oft ein bisschen abgestanden. Dream Theater scheinen ihre Midlife Crisis aber überwunden zu haben. Die Trennung von Mike Portnoy war für die Band offenbar der längst überfällige Tritt in den Hintern. Das Songwriting ist – zum ersten Mal seit Awake – wieder auf dem selben Niveau wie das technische Können, und die Väter des modernen Prog-Metal beweisen, dass sie noch immer richtungsweisende Musik machen können.

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  • RAM
    11. September 2011 auf 22:12

    Also ich finde das Artwork nun nicht wirklich so sehr schlimm, ist eigentlich durch das ganze Heft und fast alle Bilder mit dem Einradfahrenden ganz gut umgesetzt.
    Das sich dieses neue Album nicht wie die direkten Vorgänger anhören, stimmt wohl, doch ist das, finde ich nicht, nur positiv, den Black Clouds & Silver Linings und Systematic Chaos kamen mir irgendwie etwas runder vor.
    Hier nun wirkt das Meiste irgendwie weicher, weniger argessiv und das „proggie“, von dem die Rede ist, kann ich nicht so ganz erkennen. Mir scheint es insgesamt wirklich einfach einfacher gehalten zu sein und damit ist es eindeutig besser zum Mitsingen geeignet, auch kamen mir viele Stellen häufig wiederholt vor, wodurch es ein wenig anstrengend wird.
    Alle Songs unterscheiden sich aber soweit, dass man nicht sagen kann, das „On the Backs of Angels“ diese Album so richtig beschreibt; der Titel gefiel mir noch am Besten, weshalb ich aber trotzdem nicht sagen will, dass sich der Kauf nicht gelohnt hat.

  • 11. September 2011 auf 23:46

    Ich mag das Artwork im Booklet auch zum größten Teil, mich stört nur das Cover (schlimm ist es aber nicht, nur halt ein bisschen lieblos). SC und BC&SL waren wahrscheinlich genau die Seite von Dream Theater, die mir nicht so zusagt. Bei Octavarium und SC haben sie (für meinen Geschmack) zu viel den Sound von anderen Bands kopiert und BC&SL ist zwar auf dem richtigen Weg, mir gefällt aber das Songwriting nicht so 100%ig und die Lyrics tun (mir) z.T. auch wirklich weh.

    Das neue Album ist halt eine Rückkehr zu den Wurzeln. Vielleicht klingt es teilweise ein bisschen ZU SEHR nach Images & Words, aber nachdem ich mir die letzten 10 Jahre ein Album wie I&W oder Awake gewünscht habe, kann ich mich darüber nicht beschweren.

    Für mich sind die Highlights die letzten beiden Songs; vor allem Breaking all Illusions gehört zum besten was DT je geschrieben haben. Immerhin sind wir uns einig, dass sich der Kauf gelohnt hat.

    Ich wollte eigentlich längst die – auch sehr gute – Matheos/Arch CD besprochen haben (kommt auch definitiv noch), plus nächste Woche kommt das neue Opeth-Album raus. Aber ich kann nicht aufhören, die verdammte Dream Theater CD zu hören… 🙂

  • Thomas Koller
    10. Januar 2012 auf 02:25

    MOMENT! Breaking all illusions POP? ich mein ok, das Lied hat einen Refrain. Aber der kommt sogar nur wenn man die Pianomelodie am Anfang mitrechnet in 12 Minuten nur 3 mal vor! ansonsten gehts ja wohl kaum progressiver und unpoppiger, vor allem auch was die Rhythmusspielereien angeht! Es ist ein Meisterwerk, das alles bietet.

    UND! noch viel mehr Moment!
    Seit Awake zum ersten mal gutes Songwriting???????
    Was ist mit scenes from a memory? Ich hab noch nie so viel Authentizität, Gefühl und Virtuosität in einem vereint gehört wie auf diesem Album. Alleine die ersten 10 Minuten hauen einen UM. Selbst nach dem 100sten Durchlauf hinterlässt Mpt2 ein betroffenes Gefühl und Mitleid mit Viktoria!
    davon abgesehen: was ist mit octavarium und the count of tuskany?
    naja.

    die Gitarrensoli kreativer als gewohnt? sind wir nicht soli gewohnt wie best of times (!!!), innocence faded, count of tuskany, octavarium, ministry of lost souls, trial of tears…..?!?!? also das Solo in breaking all illusions ist auf höchstem Niveau, aber ein solches Werk hab ich fast erwartet.

    • 15. Januar 2012 auf 16:54

      Hallo Thomas. Danke für den ausführlichen Kommentar!

      Sorry, dass die Antwort etwas gebraucht hat; ich bin letzte Woche umgezogen und habe eben erst wieder in der neuen Wohnung den PC aufgebaut (deswegen auch so lange kein neuer Content bei PKS).

      Ich hab inzwischen (nach zig mal Hören) meine Meinung zu A Dramatic Turn of Events zwar hier und da ein bisschen modifiziert, aber ich stehe trotzdem größtenteils zu meinem ersten Eindruck.

      Zu „Breaking All Illusions“: Der Song ist so weit von Pop entfernt wie es nur geht, aaaaber der Chorus klingt extrem poppig – mich hat er am Anfang fast an „The Sun Always Shines on TV“ von A-ha erinnert (im Ernst!). Nicht schlecht, aber doch ein eher ungewohnter Sound für Dream Theater.

      Zum Songwriting: Dass es zum ersten Mal seit Awake gut ist hab ich nicht gesagt; nur dass es zum ersten Mal durchgehend so gut ist wie Spieltechnik (sprich: überragend). Bis auf das IMO etwas durchwachsene Systematic Chaos finde ich alle Alben sehr sehr gut. Auch Scenes from a Memory. Aber ADToE finde ich eben noch einen Tacken besser – vielleicht weil es mich an die Alben erinnert hat, die mich ursprünglich zum Fan gemacht haben.

      Was die Soli angeht, stimme ich dir im Prinzip zu. Ich hab aber das Gefühl, dass er hier zum ersten Mal seit vielen Alben wieder etwas mehr experimentiert hat.
      Das Ende von „Innocence Faded“ war eins der ersten Soli, die ich auf der Gitarre gelernt hab – da kann ich nicht wirklich objektiv sein 🙂

      Was mich inzwischen etwas nervt, ist der etwas stumpfe Sound des Albums – es klingt als hätte man eine Decke über die Lautsprecher geworfen. Angelblich hört sich die Vinyl-Version besser an, aber die hab ich leider bisher nicht hören können.

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