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Buchkritik: Sadie Jones – Der ungeladene Gast

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Buchkritik: Sadie Jones – Der ungeladene Gast

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Sadie Jones zeigt neue, unerwartete Seiten. Mehr davon, bitte!

Die Britin Sadie Jones hat sich mit ihren zwei ersten Romanen als neue Meisterin historischer Charakter-Dramen etabliert, als Urheberin schwermütiger und tragischer Geschichten im Schatten großer Kriege. Ihr dritter Roman, Der ungeladene Gast, schlägt völlig überraschend eine ganz neue Richtung ein: Er ist ein feiner Balanceakt zwischen düsterem Gothic Horror, Sittenkomödie in der Tradition von P. G. Wodehouse und Sozialsatire. Klingt so unvereinbar, als wäre das Scheitern vorprogrammiert? Vielleicht – aber es ist immerhin Sadie Jones.

Der ungeladene Gast beginnt mit den Vorbereitungen zu einer Geburtstagsparty in einem edwardianischen Herrenhaus. Ein unschuldiger, aber kein unbeschwerter Anfang, denn Familie Torrington hat solche Angst ihr Haus zu verlieren, dass sie mit Scarlet O’Haras ewigem ‚Tara, Tara‘ konkurrieren könnte.

In die angespannte Stimmung platzen drei geladene Gäste und eine ganze Wagenladung ungeladene: Überlebende eines Zugunglücks, das sich in der Nachbarschaft ereignet hat. Die ungebetenen Gäste (im Originaltitel sind es übrigens auch wirklich mehrere) sind Fahrgäste zweiter Klasse und werden in einem unbenutzten Zimmer zusammengepfercht und bekommen – trotz den knirschenden Zähnen der Hausherrin – immerhin einen Tee angeboten; alle bis auf einen Gentleman, der alles andere als ein solcher ist, und der die Gesellschaft schonungslos dazu treibt, allen Anschein von Anstand und Würde und alle Masken fallen zu lassen.

Geschickte Charakterzeichnung

Sadie Jones‘ Charaktere sind wirklich gelungen: Nach zwei Seiten, spätestens, sind einem die Torringtons ans Herz gewachsen, und das trotz ihrer Exzentrik. Das gleiche gilt für die drei geladenen Gäste. Die sind zwar keineswegs exzentrisch sind, dafür aber Stereotypen, und zwar Stereotypen mit Seele. Wer hätte gedacht, dass es die gibt?

Das gleiche gilt für die Dialoge: Jones hält irgendwie die schwierige Balance zwischen absurd, stereotyp und unheimlich lebendig. In den Dialogen spielt sich außerdem der größte Teil der Satire ab, und die ist beißend – und das obwohl sie sich gegen genau die Charaktere richtet, die einem so ans Herz gewachsen sind. Familie Torrington ist sich nämlich der Klassenunterschiede sehr bewusst – auch wenn ihnen selbst langsam das Geld ausgeht, sind sie schließlich über das Fußvolk erhaben.

Der stärkste Aspekt des ungeladenen Gasts ist aber die dichte und immer dichter werdende Atmosphäre: Nicht nur das Setting, das langsam verfallende Herrenhaus im stürmischen englischen Nirgendwo, sondern auch die Stimmung, die ganz plötzlich und trotzdem organisch von einem ins nächste Extrem schlägt.

Spannendes Experiment

Wer den Außenseiter und Kleine Kriege gelesen hat und sich von Sadie Jones auch jetzt ernsthaftes, geradliniges Drama erhofft, kann mit dem ungeladenen Gast möglicherweise nicht so viel anfangen. Wie bei vielen Genre-Mixen spürt man an manchen Stellen, dass der Roman sich noch nicht so recht gefunden hat, dass der Plot ein bisschen unausgegoren zwischen seinen verschiedenen Elementen hin- und herpendelt. Außerdem ist die Satire zum Thema Klassenunterschiede zwar witzig und treffend, aber Neues hat Sadie Jones nicht zu sagen. Und dann ist da eine ganz bewusste Albernheit, die immer wieder durchschimmert, und die sicher nicht jedermanns Geschmack ist – mir hat’s gefallen.

Vermutlich ist dieser Roman kein Signal für eine neue Richtung in Sadie Jones‘ Karriere sondern eher eine Art „Ausreißer“, der ihr Gelegenheit gegeben hat, ein bisschen Luft zu holen zwischen den schweren Themen ihrer letzten Romane. Aber so sehr ich mich auf ihr nächstes Drama freue – so kreative, witzige, clevere und ans Herz gehende Bücher sind selten, selbst wenn sie nicht ganz perfekt sind. Hoffen wir also, dass Sadie Jones noch viele Auszeiten braucht.

 

Anmerkung: Diese Kritik basiert auf der englischen Ausgabe. Eine Leseprobe der deutschen Version gibt es hier.

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Nicht perfekt, aber klug und so unglaublich unterhaltsam!

Pop / Kultur / Schock: Viel POP und ein kleines bisschen SCHOCK, aber die KULTUR überwiegt

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