Paste your Google Webmaster Tools verification code here

Buchkritik: Naomi Alderman – Die Lektionen

Buch
Item Reviewed

Buchkritik: Naomi Alderman – Die Lektionen

Author


Für Schriftsteller, die von ungesunder Gruppendynamik erzählen wollen, gibt es kein gefundeneres Fressen als den College-Roman. Die Charaktere darin sind jung genug, um sich von Kommilitonen, Familie oder Professoren beliebig formen zu lassen, aber alt genug, um ordentliche Katastrophen anzurichten.

In den großen College-Romanen – Evelyn Waughs Wiedersehen mit Brideshead aus den 40ern oder Donna Tartts Geheimer Geschichte aus den 90ern – gibt es auffallend oft einen charismatischen männlichen Gruppenführer, zu dem sich der Rest hingezogen fühlt wie die Motte zum Licht.

In Naomi Eldermans Die Lektionen heißt diese Figur Marc, und wie es sich für das Genre gehört, ist er reich genug, um seinen vier besten Freunden ein komfortables Leben in seiner Villa zu ermöglichen. Unter ihnen ist der unscheinbare James, der weder aus besonders gutem Hause stammt noch durch Charisma oder besondere Intelligenz auffällt – seine Noten sind im unteren Drittel, und im ehrgeizigen Oxford hat man ihn deshalb so gut wie abgeschrieben.

James ist unser Erzähler, die Linse, durch die wir die merkwürdige Gemeinschaft kennenlernen, und er ist gleichzeitig einer der rückgratlosesten Protagonisten der jüngeren Literaturgeschichte: schwach, formbar, in jeder Hinsicht abhängig vom Rest der Gruppe. Aber obwohl James glaubt, dass er die Geschichte eines Anderen erzählt, die von Marc, geht es im gesamten Roman eigentlich um ihn selbst.

Die Lektionen ist als Coming-of-Age, also als Entwicklungsroman bezeichnet worden, aber Naomi Elderman verdreht dieses Konzept und schreibt die Geschichte von zwei jungen Männern, die sich jeder auf ihre Art der Entwicklung verweigern. Eine Art Stagnations-Roman.

Das heißt nicht, dass in Die Lektionen nichts geschähe, im Gegenteil. Auch wenn es nicht wie in der Geheimen Geschichte um Mord und Totschlag geht, ist Naomi Aldermans zweiter Roman ähnlich finster, und die Schlingen um die Hälse der Charaktere ziehen sich genauso fest zu.

Der Kloß im Hals und die Ahnung, dass irgendetwas passieren wird, die man selbst während der unbeschwertesten Szenen nicht abschütteln kann, sind aber nicht der einzige Appeal von College-Romanen. Da sind außerdem die Charaktere, die in diesem Fall nicht alle wirklich lebendig werden, aber zumindest gut die Hälfte. Und da ist Oxford selbst.

Naomi Alderman hat selbst dort studiert und bringt ihre Leser ohne über Los zu gehen direkt in die uralten, traditionsbeladenen Gemäuer. Man riecht den Mief der Jahrhunderte, bewundert die Architektur, spürt den Leistungsdruck und wittert die Geisteshaltung.

Die Lektionen erfindet den College-Roman nicht neu und ist auch nicht die Krönung des Genres – aber es ist ein sehr lesenswerter Neuzugang. Das Beziehungsgewebe zwischen den Charakteren ist so komplex, Marc so charismatisch und gefährlich und Oxford so erdrückend, dass es einen von Seite zu Seite zieht, mit einem Sog, dem man dem ruhigen Swimming-Pool auf dem Cover gar nicht zugetraut hätte.

Bewertung
Wir finden:
Ihr findet:
Hier bewerten
Total
Gesamtwertung
User-Bewertung
Du hast dies bewertet
Eure Meinung zum Artikel
0%
0%
0%
0%
Kommentare
Antworten

Antwoten

Total

}