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Buchkritik: Mette Jakobsen – Minous Geschichte

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Buchkritik: Mette Jakobsen – Minous Geschichte

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Ein seltsames Traumgefüge von einem Debüt

Bei über tausend neuen Romanen, die jeden Monat in Deutschland erscheinen, dürfte es niemanden überraschen, dass Bücher sang- und klanglos untergehen, auch solche, die dieses Schicksal wirklich nicht verdient hätten. Mette Jakobsens Debütroman Minous Geschichte, im September erschienen, scheint sich zu einem ein von diesen Büchern zu entwickeln. Dabei hat es eigentlich beste Voraussetzungen:

  • der Verlag: Minus Geschichte ist nicht bei einem der vielen tausend Kleinverlage in Deutschland erschienen, sondern immerhin bei Bloomsbury, einem Imprint von Random House
  • das Cover: Random House hat das Cover des Originalverlags nicht übernommen, sich aber mit dem eigenen große Mühe gegeben. Das ruhig schlafende, zerbrechliche kleine Mädchen mit den nackten Schultern, eingehüllt in ein bunt besticktes Tuch, ergibt eins der poetischeren Cover des Jahres.
  • der Blurb: Immerhin äußert sich Erin Morgenstern, Autorin des heftig umhypten Nachtzirkus, auf der Rückseite zwar etwas kitschig, aber völlig hin und weg: „Dieses Buch ist kostbar. Ich möchte es in einer bemalten Schachtel zusammen mit einer Rabenfeder und vom Meer glattgeschliffenenen Steinen aufheben.“

Vielleicht ist das Problem von Minous Geschichte, dass es an allen Kategorien vorbeirutscht: Auf den ersten Blick zu komplex für Kinder, zu still für Teenager, zu schlicht für Erwachsene, irgendwo zwischen Märchen und in der Realität verankerter Geschichte.

Minou lebt auf einer Insel, die zu klein ist um auf einer Landkarte aufzutauchen. Diese Insel ist ein seltsamer Ort, vor allem leben dort seltsame Menschen: Ein verrückter Priester namens Priester, der Brezeln backt obwohl sie keiner essen will, Kistenmann, der Zersäg-Kisten für Magier herstellt und sein Hund Namenlos, die Schildkröte Schildkröte – und Minou mit ihrem Vater, einem Philosoph auf der Suche nach der Wahrheit und auf der Flucht vor seinen Erfahrungen im Krieg. Die einzige Frau der Insel war Minous Mutter, auch sie ein Flüchtling, eine Künstlerin, die die Welt in bunten Farben sieht. Bis sie eines Tages verschwand.

Das Verschwinden ihrer Mutter ist der Punkt, um den sich Minous Geschichte dreht. Die Erwachsenen glauben, sie sei ertrunken, aber Minou hat Gegenbeweise. Die und die Geschichte die zum Verschwinden (The Vanishing Act ist auch der Originaltitel) geführt hat, erzählt Minou dem einzigen, der zuhört: einem toten Jungen, den ihr Vater aus dem Meer gefischt hat.

Offene Fragen

Minous Geschichte ist voller Rätsel und offener Fragen, und wer erwartete, dass eine Geschichte  diese alle beantwortet, sollte von Mette Jakobsens Debütroman lieber die Finger lassen. Es geht nicht um die Wahrheit sondern darum, wie man sich ihr nähert: Mit Logik wie Minous Vater, mit Fantasie wie ihre Mutter, mit unverrückbarem Glauben wie Priester, mit Skepsis wie Kistenmann oder mit Minous Logik, die innerhalb ihrer eingeschränkten Erfahrungswelt ganz klar funktioniert (ganz ähnlich wie in Emma Donoghues Raum) während wir Leser die Löcher sehen.

Ganz sicher ist man sich aber doch nie, ob Minou nicht vielleicht recht hat, und das liegt daran, dass Mette Jakobsen die Regeln ihrer Welt nie preisgibt: Was ist das für eine Insel, von welchem Krieg ist immer wieder die Rede, wann spielt der Roman, woher kommen die Figuren, wie verdienen sie ihr Geld? All das lässt Jakobsen bewusst im Dunkeln, und damit auch, wie fest die Geschichte in der Realität verankert ist. Alles ist möglich auf dieser Insel.

Eigenwillige Atmosphäre

Die Insel und ihre traumgleiche, eigentümliche Atmosphäre tragen den Roman, während die Charaktere einem fast durchweg entgleiten. Minou kann keinen von ihnen so recht einschätzen, und uns geht es nicht anders. Und doch versteht man zwischen den Zeilen einiges über die sie. Gelegentlich bemüht sich Mette Jakobsen ein bisschen zu sehr, poetisch zu sein und rutscht in den Kitsch, meistens aber hält sie die Balance.

Ihr Debütroman entführt in eine seltsame Welt und entfaltet, am Stück gelesen, einen Sog den ich nach den ersten 30 Seiten noch nicht erwartet hätte. Man muss sich schon einlassen auf Minous Geschichte mit ihren seltsamen Vögeln, ihrem langsamen Tempo und ihren offenen Fragen. Aber wer das tut, kann Erin Morgensterns kitschigen Schatzkisten-Blurb bestimmt ein bisschen nachvollziehen.

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  • 5. November 2012 auf 19:29

    Das klingt sicher im ersten Moment nicht unbedingt spannend, aber es macht neugierig, mich zumindest. Was mich überhaupt auf gerade diese Rezension aufmerksam gemacht hat, war das Cover. Man ist sofort gespannt darauf, welche Geschichte sich dahinter verbirgt. Die Worte von Erin Morgenstern bezeichnen sehr gut das Gefühl, das man schlicht und einfach nur beim Betrachten des Covers hat. Ich finde, es ist toll gemacht und zieht magisch an. Man will mehr wissen darüber.
    Liebe Grüße von einer interessierten Silberdistel

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