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Buchkritik: Meljean Brook – Die Eiserne See

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Buchkritik: Meljean Brook – Die Eiserne See

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Romance ist normalerweise nicht mein Genre. Nicht, weil ich etwas gegen Romantik hätte, nichtmal wenn sie ausführlich über 400 Seiten ausgewaltz wird. Sondern, weil ich erstens weder die Klischee-Protagonisten besonders lange ertragen kann, die das Genre immer wieder produziert, noch zweitens die Tatsache, dass die Handlung um die Liebesgeschichte herum viel zu oft mehr Alibi als echter Plot ist – und ungefähr so durchdacht wie die in einem Porno aus den 70ern.

Dem Iron Duke (der deutsche Titel ist leider ein bisschen schrecklich geraten: Die Eiserne See – Wilde Sehnsucht) eilt aber aus Amerika schon seit Monaten ein guter Ruf voraus. Und tatsächlich beweist Meljean Brook in ihrer ersten Steampunk-Romance, dass es auch anders geht.

Die Welt

Brooks zeitlich nicht definiertes England mit viktorianischem Vibe ist erst seit kurzem wieder autonom. Die letzten 200 Jahre befand es sich unter der Herrschaft der mongolischen Horde, die die britische Bevölkerung mit Hilfe von Bakterien willenlos machte, beherrschte, vergewaltigt und ausbeutete. Seit der Pirat Rhys Trahaern das Kontrollzentrum der Horde zerstört hat, findet England sich in die Unabhängigkeit zurück. Das Erbe der Horde, die Bakterien, machen die Bevölkerung einerseits physisch fast unverwundbar, andererseits lassen sich Menschen nach wie vor mit ihrer Hilfe manipulieren und kontrollieren.

In der Flut der Steampunk-Romane der letzten Jahre ist die Welt des Iron Duke eine der komplexesten und kreativsten. Für Meljean Brook sind die dampfgetriebenen Gadgets, die Biopunk-Elemente und die alternative Historie ihrer Geschichte nicht nur Kulisse, sondern Motor und Träger der Handlung.

Der Plot

Mina Wentworth, halbmongolische Tochter einer Gräfin, Produkt einer unfreiwilligen Orgie und Kriminalinspektorin der Londoner Polizei, soll einen Mord im Hause Trahaern aufklären, der mittlerweile Herzog gemacht wurde (der titelstiftende Iron Duke). Nicht nur versucht der, sie umgehend ins Bett zu kriegen, die ganze Sache verkompliziert sich außerdem zu einem Komplott, das ganz England in Gefahr bringt.

Der Plot ist sehr detailverliebt und kompliziert. Er führt eine Menge Nebenfiguren ein, die auseinanderzuhalten durchaus eine Herausforderung ist. Außerdem stellt Meljean Brook gerne Tatsachen und Zusammenhänge in den Raum, die erst sehr viel später eingeordnet werden. Ich habe das Gefühl, dass das Verständnis durch die Übersetzung – die sonst größtenteils gelungen ist – nicht unbedingt vereinfacht wird, denn die grammatikalischen Bezüge sind nicht immer ganz eindeutig, und gerade dann wird’s oft verwirrend. Wer sich aber die Mühe macht, die ein oder andere Passage zweimal zu lesen, wird belohnt: Der Showdown ist virtuos, und zwar nicht nur „für Romance“.

Die Charaktere

Sowohl Mina Wentworth als auch Rhys Trahaern fangen als relativ durchschnittliche aber immerhin einigermaßen interessante Romance-Stereotypen an, und zeigen dann Schicht für Schicht immer neue, immer komplexere Aspekte ihrer Persönlichkeit, bis man am Schluss mit zwei Charakteren da steht, mit denen man vielleich tnicht unbedingt ein Bier trinken gehen wollte, die aber ungefähr zehnmal so viel Substanz haben wie die meisten Romantic Leads. Trotzdem leiden sie am Ende natürlich unter der typischen Liebesblödheit, die schon bei Jane Austen unerlässlich war. Aber immerhin ist diese Phase kurz.

Die Romance

Die macht eine ähnliche Entwicklung durch wie die Charaktere: Sie beginnt als ganz oberflächliche erotische Anziehung und wird langsam mehr. Wer seine romantischen Szenen steamy mag, kommt definitiv auf seine Kosten; wer damit nicht so viel anfangen kann, wird mit Bettszenen auch nicht überschwemmt. Meljean Brook hat ein gutes Gespür dafür, wann die Charaktere sich einander zuwenden sollten, und wann es genug ist. Entsprechend kommen sich die Romance- und die Kriminalhandlung nicht in die Quere – eine ziemliche Leistung.

Für jüngere Teenager vielleicht ein bisschen bedenklich finde ich das seltsame Verhältnis zwischen rein körperlichem Begehren und Emotion. Gegen Sex ohne sonstiges Gefühl ist natürlich nichts einzuwenden – aber man muss ihn vielleicht nicht unbedingt als die ganz große Liebe verkaufen.

Lesen?

Wenn ich einem Mann einen Romance-Roman empfehlen müsste (nicht dass das besonders wahrscheinlich wäre, aber gesetzt den Fall), dann wäre es The Iron Duke. Das gleiche gilt für weibliche Romance-Skeptiker mit einem Faible für Science Fiction und/oder verwegene Abenteuer auf hoher See. Ich selbst warte jedenfalls gespannt auf den zweiten Band – Romance hin oder her.

 

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  • 24. November 2011 auf 16:02

    Eine sehr schöne Rezension, finde ich.

    Ich habe aus den gleichen Gründen meine Probleme mit dem Romance-Genre. Deshalb war dieses Buch für mich auch eine schöne Abwechslung. Die genretypischen Bausteine sind da, aber sie werden nicht nackt aneinandergereiht, sondern in einen spannenden Plot und so viele wilde Ideen verpackt, dass es richtig Spaß macht.

    Heart of Steel, Band 2 der Reihe, liegt bei mir schon bereit.

  • 27. November 2011 auf 16:03

    Dankeschön! Ja, nicht? Sie macht das wirklich gut. Ich habe schon überlegt, ob ich mal in die andere Serie von ihr schaue, aber das geht erstens in die Dark Fantasy-Richtung (und da hab ich im Moment nicht so Lust drauf) und hat zweitens, zumindest im Original, Nackenbeißer-Cover. Andererseits hab ich gehört sie sei noch wesentlich komplexer als The Iron Duke. Du hast sie nicht zufällig gelesen und kannst mich beraten?

  • 28. November 2011 auf 22:10

    Ich habe lediglich eine Novelle in einer Anthologie gelesen, die in der Guardians-Welt spielt und die fand ich trotz ein paar netter Ideen eher schwach. Ich hatte immer den Eindruck, dass die Bücher noch eindeutiger Romance sind als die „Iron Seas“-Romane, weshalb ich bislang auch eher die Finger davon gelassen habe. Zumal mich auch das Engel/Dämonen/Vampire-Thema im Moment nicht so reizt.

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