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Buchkritik: Megan Whalen Turner – Der Dieb (Die Legenden von Attolia)

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Buchkritik: Megan Whalen Turner – Der Dieb (Die Legenden von Attolia)

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Man könnte meinen, Megan Whalen Turner hätte alle Zeit der Welt: In aller Seelen-Ruhe führt sie ihre Hauptfiguren und deren Welt ein: den im Titel versprochenen Dieb Gen, den Magus und seine Begleiter, die drei Königkreiche und deren politische Querelen.

Dabei ist ihr Roman-Debüt Der Dieb kein epochales Werk vom Format eines Ziegelsteins sondern ein für die Verhältnisse des Fantasy-Genres ein relativ schmaler Band von knapp 300 Seiten. Aber es ist der erste Band einer ganzen Serie, und für die fungiert er im Grunde als hervorragend geschriebene, geschickt konstruierte Exposition.

Gen, ein Meister seines Fachs, wird am Anfang der Geschichte aus den Verliesen des Königs von Sounis geholt, um im Auftrag (und Beisein) des königlichen Magus‘ im weit entfernten Attolia ein Zeichen der Götter zu stehlen, das seinem Besitzer Macht über gleich drei Königreiche verleiht. Mit knirschenden Zähnen macht er sich auf den Weg, gemeinsam mit dem Magus, seinen zwei Adlaten und einer Leibwache.

Der Dieb ist keine typische Sword-and-Sorcery-Fantasy, in der sich die Ereignisse gegenseitig überrollen, im Gegenteil: Am ehesten ist der Roman ein kleines fantastisches Kammerspiel, in deren Mittelpunkt die fünf Reisegefährten und ihre Beziehung untereinander stehen. Ganz wie der Magus am Anfang ankündigt, entwickelt sich zwischen den einen nach und nach Respekt, zwischen den anderen Abneigung, zwischen wieder anderen Misstrauen.

Auch bei der Entwicklung des Kammerspiels ist Megan Whalen Turner sehr gelassen. Die Beziehungen entwickeln sich nur sehr allmählich und gemächlich, zu großen Gefühlsausbrüchen kommt es selten. Das gilt auch für die Beziehung des Lesers zu Gen, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt ist. Einerseits ist es schwer, einem Ich-Erzähler nicht zumindest ein Stück weit emotional zu folgen, andererseits ist da immer eine gewisse Distanz, die die Autorin durchaus pflegt. Denn die Abneigung des Magus gegen den schnippischen, besserwisserischen Gen kann man in vielen Fällen nicht anders als teilen.

Das ist anfangs durchaus anstrengend, umso näher fühlt man sich ihm – und auch den anderen Figuren – aber später, wenn die Geschichte einen Zahn zulegt und endgültig ausgewürfelt wird, wer auf welcher Seite steht. Als wäre er ein kleiner Bruder, der einen jahrelang genervt und sich dann, ohne dass man es gemerkt hat, heimlich tief ins Herz gegraben hat.

So gut das Kammerspiel sich liest, es ist kein ganz großes Drama, sondern eher eine leise Geschichte. Trotzdem wäre ich nicht eine Sekunde lang auf die Idee gekommen, den Dieb wieder hinzulegen. Das liegt daran, dass man sich bei Megan Whalen Turner von Anfang an in sicheren Händen wähnt. Sie scheint genau zu wissen was sie tut, wann sie welche Information preis gibt und wo sie welches Wort zu setzen hat. Ihre klare und direkte aber poetische Sprache ist außerdem sehr gelungen übersetzt von Maike Claußnitzer.

Die ganz große Stärke der Autorin ist aber die Welt, die sie schafft, und die sie genauso allmählich wie die Figuren langsam aber sehr sicher zum Leben erweckt, während Gen und die anderen sie durchwandern. Lose angelehnt an die griechische Kultur, hat sie nicht nur ein komplexes, gut durchdachtes politisches System, sondern auch eine sehr klare Geographie, gleich mehrere Religionen und Gesellschaftsbilder erschaffen.

Der Dieb ist vielleicht kein brilliantes, aber ein sehr gutes Buch. Wie sehr er den aktuellen Moden der phantastischen (Jugend-)Literatur entgegen läuft, ist erfrischend*, und der Payoff am Ende ebenfalls. Außerdem weiß man spätestens, sobald man den wesentlich schneller und leidenschaftlicher erzählten zweiten Band zur Hand nimmt, warum sich das Ganze gelohnt hat. Denn da deutet sich endgültig an, dass die gesamten Legenden von Attolien zum besten und originellsten gehören, was der Fantastik-Markt in letzter Zeit zu bieten hat.

 

*Das englische Original stammt allerdings auch aus den 90ern.

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