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Buchkritik: Kevin Wilson – Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern…

Buch
Überblick
Item Reviewed

Kevin Wilson - Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung

Author
24. Juli 2012
Originaltitel

The Family Fang

Jahr

2012 (Originalausgabe: 2011)

Länge

382 Seiten

Verlag

Luchterhand

…in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung

Sie lassen sich beim Klauen erwischen, heiraten unter falschem Namen, schreiten in aller Seelenruhe durch ein brennendes Haus – alles im Namen der Kunst. Und was genau Kunst ist, sehen Camille und Caleb Fang sehr eng: Chaos, ja; „tote Dinge“ (Skulpturen, Gemälde, Musik, Literatur und grundsätzlich alles, was vorher angekündigt wird), nein.

Wie weit ihre Eltern für die Kunst zu gehen bereit sind, haben Annie und Buster (Kind A und Kind B) in ihrer Kindheit am eigenen Leib erfahren: Von klein auf waren sie integraler Bestandteil jeder Performance. Mittlerweile sind sie erwachsen und machen selbst Kunst: Annie ist Schauspielerin, Buster ist Schriftsteller, zur Enttäuschung ihrer Eltern. Als beide in ein tiefes Loch stürzen, suchen sie nach Jahren der Abwesenheit trotz allem Zuflucht bei Caleb und Camille. Dabei hätten sie es besser wissen müssen.

Ein merkwürdiges Szenario, das Autor Kevin Wilson sich für sein Debüt ausgedacht hat. Andererseits wird das Sezieren bis ins Mark gestörter Familien nie alt, egal wie viele Jahrhunderte sich die Literaturgeschichte daran mittlerweile aufreibt. Wie brilliant seine Fangs als Protagonisten eigentlich sind, merkt man erst, wenn man ein ganzes Stück weit in Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung* steckt.

Erstens sind da die völlig wahnsinnigen Projekte der Fangs, in Rückblenden erzählt, in denen die Familie sich sehenden Auges in die absurdesten Situationen manövriert, ihr Umfeld in seine Einzelteile zerlegt und das Ganze zum Kunstwerk deklariert. Wilson ist höchst kreativ in seinen Visionen des totalen Chaos – und unverschämt unterhaltsam.

Zweitens erlauben ihm die Fangs, über Dinge nachzudenken, die in Familiengeschichten normalerweise keine Rolle spielen: Wo fängt Kunst an und wo sollte sie aufhören? Was bleibt übrig wenn wegfällt, worüber man sich sein ganzes Leben definiert hat? Wo ist die Grenze zwischen mir selbst und meiner Familie? Und – keine ganz neue Frage – wie weit kann und sollte Loyalität gehen?

Diese Mischung aus Kreativität und brisantem Stoff ist der Kern von Wilsons Roman, und er spricht gut ausbalanciert mal die voyeuristische, mal die emphatische Seite seines Lesers an. Trotzdem wäre das nicht genug – wenn es nicht irgendetwas gäbe, das unaufhaltsam in die Geschichte hineinzieht.

Dieses ‚etwas‘ sind Annie und Buster, aus deren Perspektive Wilson abwechselnd erzählt: Zwei Figuren, die so verloren und liebenswert sind, dass man sie nichtmal alleine lassen will um aufs Klo zu gehen, und die einem so schnell so fest ans Herz wachsen, dass es eines chirurgischen Eingriffs bedürfte um sie von dort zu entfernen.

* Eine kreative aber trotzdem seltsame Übersetzung für das simple The Family Fang der Originalausgabe. Sollte das etwa ein subtiler Versuch sein, das Publikum des Hundertjährigen, der aus einem Fenster stieg und verschwand in die Arme von Luchterhand zu treiben?

 

PS: Diese Rezension basiert auf der englischen Originalausgabe. Eine Leseprobe der deutschen Version lässt sich hier herunterladen. Eine Verfilmung ist bereits angekündigt, Nicole Kidman soll gerüchtehalber Annie spielen, und der Film 2014 in die Kinos kommen.

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Wäre da nicht ein sehr großer Zufall, der den Plot am Ende etwas überstürzt in die richtige Richtung lenkt, wäre Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung ein perfektes Debüt: intelligent, witzig, lakonisch und tragisch.

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