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Buchkritik: Jennifer Egan – Der größere Teil der Welt

Buch


„Time is a goon“, (Die Zeit ist ein Schläger), verkündet einer von Jennifer Egans kaputten Charakteren irgendwo auf Seite 100 und erklärt damit, was es mit dem seltsamen Originaltitel ihres Pulitzer-prämierten neuen Romans auf sich hat: In A Visit From The Goon Squad spielt die Zeit den meisten Figuren tatsächlich so übel mit, dass ein „Schlägertrupp“, der mal auf einen Besuch vorbeischaut, ihnen wahrscheinlich lieber gewesen wäre.

Trotzdem ist Der größere Teil der Welt alles andere als schweres Drama Tolstoischen Formats. Das verhindern sowohl Jennifer Egans Humor als auch die Form ihres Romans: Jedes der 13 Kapitel folgt einem anderen Charakter durch eine kurze Phase seines Lebens und springt dann durch Zeit und Raum hinweg zum nächsten.

Ein Beispiel: Das erste Kapitel folgt der kleptomanisch veranlagten New Yorkerin Sasha während eines Dates, im nächsten geht es um ihren Boss, den alternden Musikproduzenten Benny Salazar, und das dritte erzählt dessen Teenagerzeit als unbegabter Punk-Bassist aus der Perspektive eines Mädchens, das unglücklich in ihn verliebt ist.

Jennifer Egan greift tief in die erzählerische Trickkiste, um die vielen Erzählstimmen klar voneinander abzugrenzen: Nicht nur hat jede Figur ihre eigene Sprache und jedes Kapitel seine eigene Stimmung, Jennifer Egan erzählt außerdem mal in der ersten, mal in der dritten, und sogar in der zweiten Person**; manche Kapitel sind ganz geradlinig erzählt, andere sind voller Rückblenden, wieder andere wechseln zwischen zwei Perspektiven, sind in der Form eines Zeitungsartikels oder – die auffälligste Stilübung, die überraschend gut funktioniert – in Form einer langen Power-Point-Präsentation.

Man könnte wohl einen ganzen Artikel mit den Risiken füllen, die diese Erzähltechnik birgt. Das größte dürfte sein, dass der Roman auseinanderfallen könnte in eine Reihe ganz lose zusammenhängender Kurzgeschichten, wie es zum Beispiel Daniel Kehlmann in Ruhm passiert ist. Aber Jennifer Egan schafft es, die Figuren, die sich größtenteils nie begegnen, zu einem dichten Netz zu verknüpfen, das die Geschichte ganz alleine trägt.

Das macht sie einerseits durch kleine Vorgriffe und Andeutungen, dadurch, dass Figuren kurz erwähnt und erst später richtig eingeführt werden, dass sie nach ihrem „Hauptkapitel“ nochmal auftauchen, mal aus einer anderen Perspektive, mal als Nebenfigur, die nur kurz durch das Kapitel geistert. Außerdem gelingt Jennifer Egan das kleine Wunder, jede ihrer Figuren innerhalb der wenigen Seiten, die sie ihnen widmet, zu lebenden, atmenden, ungeheuer menschlichen Wesen zu machen.

Aber dass Der größere Teil der Welt mehr ist, als eine hervorragend inszenierte Stilübung, dass man mit jedem Kapitel tiefer in diese Welt gezerrt wird, bis man sie zum Schluss überhaupt nicht mehr verlassen will, obwohl es kein großes, übergreifendes Narrativ gibt, hat einen anderen Grund. Jennifer Egan versucht es im Power-Point-Kapitel selbst zu erklären, durch den Mund des 13jährigen Lincoln, den nichts mehr fasziniert als Pausen in Rock-Songs: Die Pause lässt Dich glauben dass der Song vorbei ist. Und dann geht er weiter und Du bist erleichtert. Aber dann endet der Song tatsächlich, weil natürlich jeder Song irgendwann endet, und DIESES.MAL.IST.ER.WIRKLICH.VORBEI.

Bei Jennifer Egan pausiert kein Song, auch wenn sowohl ihre Sprache als auch viele ihrer Figuren sehr musikalisch sind. Sondern es pausieren die Geschichten ihrer Figuren, während sie eine, zwei, drei oder zehn andere Geschichten erzählt. Wir wissen zwar genau, wie viele Seiten uns noch bleiben, aber nie, ob die Geschichte dieser oder jener Figur (die uns an diesem Punkt schon ganz schön ans Herz gewachsen sind) weiter erzählt wird oder ob wir ihnen nie wieder begegnen.

Stilistisch brillanten Büchern fehlt gelegentlich das Herz (siehe etwa Julian Barnes‘ Ende einer Geschichte), aber Jennifer Egan ist davon meilenweit entfernt. Im Gegenteil: Wenn die Leser Egans Figuren nicht verfallen würden und mehr über sie erfahren wollten, wäre Der größere Teil der Welt ein spektakulärer Fehlschlag. Aber die Figuren sind so kompromisslos menschlich, so verrückt, zerbrechlich, sarkastisch, warmherzig und grausam, dass man ihnen überall hin folgen würde – wesentlich weiter als knapp 400 Seiten durch Jennifer Egans fantastisches Buch.

*Was es mit dem deutschen Titel auf sich hat, ist mir allerdings weniger klar.

**Du betrachtest Drew durch im Sonnenlicht wabernde Hasch-Rauchschwaden. „Behaupte bloß nicht, Du hättest nicht inhaliert“, sagst Du ihm.

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