Paste your Google Webmaster Tools verification code here

Buchkritik: Jeet Thayil – Narcopolis (Booker Prize 2012)

Buch
Item Reviewed

Buchkritik: Jeet Thayil – Narcopolis (Booker Prize 2012)

Author

Am 16. Oktober, nur eine Woche nach der Verleihung des Deutschen Buchpreises,
findet in London eins der wichtigsten Ereignisse der internationalen
Literatur-Szene statt: Der Gewinner des Man Booker Preises 2012 wird
verkündet. Um uns auf den großen Tag vorzubereiten, stellen wir bis
Dienstag täglich einen der sechs Shortlist-Romane vor.

Worum geht’s?

Im Bombay der 70er Jahre ist Rashids Opiumhöhle eine der größten Attraktionen. Hier treffen sich Zuhälter, Drogenbosse, gut betuchte Abhängige und kichernde Touristen. Genauso farbenfroh ist das Personal: der erstaunlich integere Rashid, der griesgrämige Benghali – und Dimple, weiblich seit sie mit neun Jahren in die Prostitution verkauft worden ist und halbtags im Bordell gegenüber beschäftigt. Doch plötzlich bricht in die Welt der Opiumpfeife ein Konkurrent, Heroin, und hinterlässt nichts als Scherben.

PopKulturSchock denkt…

Als ‚hallucinatory‘ ist Narcopolis in der englischen Presse immer wieder bezeichnet worden, und der Begriff ist ja auch nahe liegend: Nicht nur befinden sich die Figuren von Jeet Thayils Debüt kontinuierlich im Vollrausch, der Roman ist auch sehr intuitiv erzählt, ganz aus dem Bauch heraus: Thayil beginnt im Bombay der 70er mit einem Ich-Erzähler, den er nach dem ersten Kapitel überraschend fallen lässt, um sich einer anderen Figur und von dort aus der nächsten und der nächsten zuzuwenden. Dabei springt er ins China der 50er Jahre, zurück nach Indien, irgendwann vor in die 90er. Und dann ist da noch das erste Kapitel, ein einziger Satz über sechs Seiten in wunderschöner, traumwandlerischer Sprache:

Bombay, which obliterated its own history by changing its name and surgically altering its face, is the hero or heroin (sic) of this story, and since I’m the one who’s telling it and you don’t know who I am, let me say that we’ll get to the who of it but not right now, because now there’s time enough not to hurry, to light the lamp and open the window to the moon and take a moment to dream of a great and broken city…

Aber Narcopolis hat nur äußerlich die Qualität eines frei assoziierenden Drogenrauschs. Je weiter sich der Roman dem Ende zu neigt, desto klarer wird, dass Jett Thayil die Fäden durchaus in der Hand behält: Jede Menge kleine Details, die am Anfang angelegt sind, haben gegen Ende einen Payoff, und das macht die Lektüre sehr befriedigend. Thayils ganz große Stärke aber sind seine Charaktere, allen voran Dimple, die so interessant, zerrissen und warmherzig ist, dass sie den Roman mehr oder weniger auf eigene Faust zusammenhält. Das heißt nicht, dass sie der einzige starke Charakter ist, aber alle anderen tauchen auf und verschwinden wieder, während die Geschichte weiterweht.

Die einzige Ausnahme ist der Ich-Erzähler, der kaum einen Charakter, keine Vergangenheit und keine Zukunft hat und außerhalb von Rashids khana so gut wie nicht existiert. Warum er den größten Teil des Romans über schweigt, erschließt sich – zumindest mir – nicht.

Perfekt ist Narcopolis also nicht, gerade im zweiten Drittel hat der Roman durchaus Längen und verliert zeitweise ein bisschen den Fokus, bevor Thayil zum emotionalen Schluss kommt. Trotzdem ist der Roman ein beeindruckender, expressiver Einblick in die Schattenseite Bombays und den Niedergang der Opium-‚Kultur‘ – und der dürfte auch noch ziemlich akkurat ausgefallen sein, Thayil war nach eigener Aussage nämlich selbst gut 20 Jahre drogensüchtig.

Die Chancen

Die Jury hat sich dieses Jahr vor allem Bücher ausgeguckt, die sehr elegant strukturiert sind und ihre Geschichte ganz diszipliniert erzählen, ohne zu weit vom narrativen Weg abzukommen. Narcopolis sticht da heraus, und ist für diese Booker-Jury deshalb vielleicht zu instinktiv, zu chaotisch. Dass die Buchmacher es als unwahrscheinlich einstufen dass Thayil gewinnt, wundert mich jedenfalls nicht.

 

Man Booker Preis 2012 bei PopKulturSchock

 

Man Booker Preis 2012 im Netz:
Booker-Special beim Guardian
Webseite Man Booker
Bewertung
Wir finden:
Ihr findet:
Hier bewerten
Total
Gesamtwertung
User-Bewertung
Du hast dies bewertet
Eure Meinung zum Artikel
0%
0%
0%
0%
Kommentare
Antworten

Antwoten

Total

}