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Buchkritik: Helene Wecker – Golem und Dschinn

Buch
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Item Reviewed

Buchkritik: Helene Wecker – Golem und Dschinn

Author
23. September 2013
Originaltitel

The Golem and the Djinni

Genre

Historische Fantasy

Spielt in

New York City

Jahr

2013

Länge

623 Seiten

Serie

Nebula Award: Nominiert
Mythopoeic Fantasy Award: Nominiert
James Tiptree Jr. Award: Nominiert

Verlag

Hoffmann und Campe

Endlich mal wieder: Ein Buch, das seinen ganz eigenen Weg gehtWecker: Golem und Dschinn; Rechte: Hoffmann und Campe

Helene Wecker erzählt von zwei Wesen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die sich aber beide so weit außerhalb ihres Erfahrungshorizonts zurechtfinden müssen, dass sie lernen, einander zu vertrauen. Das eine dieser Wesen ist ein Jahrtausende alter syrischer Dschinn, der die letzten 600 Jahre in einer Flasche verbracht hat. Das andere ein weiblicher Golem, frisch erschaffen (in menschlicher Gestalt), von einem unheimlichen Rabbi in Tschechien. Er ist von Natur aus egozentrisch und hat gelernt auf Menschen herabzusehen; sie wurde geschaffen, um jedes menschliche Bedürfnis sofort zu erfüllen, bis hin zur Selbstaufgabe. Beide landen im New York der Jahrhundertwende und müssen sich alleine in einer Welt zurechtfinden, die sich jeden Tag neu erfindet.

Das Nebeneinander von jüdischer und arabischer Mythologie und Lebenskultur ist Helene Wecker wichtig – sie selbst entstammt beiden Kulturen. Aber die eigentliche Erfahrung, die sie schildert, ist eine Gemeinsame: die der Fremde, des Einwanderns, der Identitätssuche in einer neuen Welt. Ahmad und Chava haben letztendlich die gleichen Probleme wie jeder andere Einwanderer auch: Job, Bezugsfiguren, Missverständnisse, Vertrauen fassen, kurz gesagt: sich einfinden.

Das New York des ausgehenden 19.Jahrhunderts ist so wach, als hätte Helene Wecker selber ein, zwei Jahre dort verbracht, um ein wenig zu recherchieren; das gilt sowohl für „Little Syria“ als auch für die jüdische Gemeinschaft. Die Atmosphäre ist so satt und dicht, dass sie zu einem der beiden Motoren des Romans wird. Der zweite sind die Charaktere, sowohl Golem und Dschinn, als auch die Menschen, denen sie begegnen. Wirklich spannend wird es dagegen erst gegen Ende der Geschichte, und bis dahin bleibt uns nichts anderes übrig als uns treiben zu lassen, und uns gemeinsam mit den Protagonisten auf die fremde Welt und die Figuren, denen wir begegnen, einzulassen.

Golem und Dschinn ist also kein Buch zum atemlos Verschlingen, sondern eins zum sich Verlieren – ähnlich wie Erin Morgensterns Nachtzirkus. Trotzdem: Bücher, die so eigen und dabei so trittsicher sind wie diese beiden, erscheinen viel zu selten. Das alleine wäre also bemerkenswert genug. Dass Helene Weckers Debüt gleichzeitig als Plädoyer für Akzeptanz und  gegenseitiges Verständnis funktioniert, hat es in den USA zum Bestseller gemacht. Vielleicht klappt’s ja auch bei uns, verdient wär’s.

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Ein außergewöhnlicher Fantasy-Roman, der jedes Klischee umgeht und die Erfahrung des Fremdseins perfekt einfängt und dabei wie wild unterhält.

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  • Verena
    31. Oktober 2013 auf 12:50

    Liebe Desirée,
    wahr gesprochen und schön formuliert. Auch ich hatte mit diesem ungewöhnlichen Buch ein ganz besonderes Leseerlebnis!

    Viele Grüße

    Verena

    • 3. November 2013 auf 15:39

      Liebe Verena, vielen Dank, das freut mich sehr! Ich überlege schon, wem ich das Buch zu Weihnachten schenken werde, mindestens zwei Kandidaten sind mir schon eingefallen. Viele Grüße und schöne weitere Leseerlebnisse, Desirée

  • Tanja
    24. Juni 2014 auf 12:08

    Das (Be)sonderbare Buche von der Helen Wecker, habe ich durch einen Zufall in unserer Bibliothek entdeckt.Es hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen. Ständig und überall musste ich es lesen, und wenn ich es nicht gelesen habe, dachte ich über das Buch nach.
    Wie die Geschichte wohl weitergehen könnte, Die Gedanken waren verflochten und mit dem Buch verknüpft.

    Es ist sehr gut geschrieben und lässt sich sehr gut lesen.
    Man merkt dass sie sich fürs schreiben sehr viel Zeit genommen hat.
    Jeder, der in eine andere Stadt/Land gezogen ist, kennt die Situation der beiden zu genau
    Mit jeder Zeile, mit jedem Wort was man liest, schlüpft man immer mehr und mehr in deine oder andere Person hinein. Das Buch saugt man förmlich in einen auf.

    Bei der einen oder anderen Zeile bekam man dann doch schon mal richtig Herzklopfen, man war Aufgeregt oder mal Nervös. Es war richtig Spannend.
    Es ist nicht gerade einfach so viele Gedanken und Emotionen zum einen in ein Buch zubekommen dass diese zum einen diese genau wiederspiegelt und nicht irgendwann zu abgedroschen etc. wirkt. Und zum anderen den Leser so ergreift und mit reißt, dass der lese diese auch fühlt.

    Ich kann nur zustimmen, die Kritik stimmt genau und ist sehr schön Formuliert.

    Kann es wärmstens weiter empfehlen. So ein Buch kauft man sich gerne bzw. lässt es sich schenken oder verschenkt es sogar selber gerne.
    Wieder ein Wunsch auf meiner Liste mehr. 😀

    Schade dass es selten solche gut geschriebene Werke zu finden gibt.

    Wer solch ein Buch sein eigen nennen kann darf sich Glücklich schätzen.
    Denn man hat einen waren Schatz gefunden.

    Viele Liebe Grüße
    Tanja

    • 28. Juni 2014 auf 12:06

      Das Buch ist wirklich etwas Besonderes, gleich in mehrerer Hinsicht, das habe ich ganz genauso empfunden wie Du. Ich wünsche Dir noch viele Leseerlebnisse dieser Art. Ich werde es demnächst mal mit „Jonathan Strange & Mr. Norrell“ probieren, das ja angeblich auch Fantasy-Elemente, historischen Roman und Sozialkritik verbindet. Da bin ich sehr gespannt, vielleicht begeistert mich der Roman ja genauso wie dieser.

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