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Buchkritik: Gary Shteyngart – Super Sad True Love Story

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Buchkritik: Gary Shteyngart – Super Sad True Love Story

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Rechte: RowohltIn Super Sad True Love Story gibt es weder Zombies noch Wastelands, die Menschheit ist nicht dezimiert und auch nicht in unmittelbarer Gefahr; selbst der Klimawandel spielt keine große Rolle. Und trotzdem ist das zukünftige Amerika, das Gary Shteyngart heraufbeschwört, nicht nur leicht beunruhigend, sondern eine der beängstendigendsten Dystopien der letzten Jahre.

Das Leben dort ist vollständig digitalisiert und spielt sich hauptsächlich in der Welt der „Äppäräti“ ab, einer Weiterentwicklung unserer Smartphones, die aber zusätzlich ständig Informationen über unsere Mitmenschen ausspucken: Ihr Finanzstatus, ihr Lebensstil, ihre „Fuckability“. Privatsphäre ist ein Konzept der Vergangenheit, genau wie Bücher oder große Gefühle. Man interessiert sich nur dafür, möglichst jung und fit zu bleiben und möglichst viel Geld zu verdienen. Selbst Sex ist ein Wegwerfprodukt geworden, so präsent, dass es einfach nicht mehr interessant ist. Auch politisch ist Amerika degeneriert: Die einstige Supermacht ist hoch verschuldet und lebt nun in ständiger Angst vor dem Gläubiger China, die Bevölkerung schielt nervös auf das undurchsichtige und faschistoide Exekutiv-System von Außenminister Rubenstein.

In diesem Amerika spielt sich die titelgebende Love Story ab. Ihre Protagonisten: der 39jährige, unattraktive aber intelligente und emotionale Lenny Abramov, Kind russischer Immigranten und finanziell einigermaßen unabhängig. In seinem Berufsleben verkauft er den Superreichen Unsterblichkeit.

Auf der anderen Seite ist die schöne 21jährige Eunice Park, Tochter koreanischer Einwanderer, gerade frisch aus der Uni, Traumjob „Einzelhandel“. Ihr Leben findet vollständig auf ihrem Äppärät statt, bevorzugt auf Shoppingseiten.

Rechte: Granta Books

Cover der UK-Ausgabe

Entsprechend mühsam ist es für Lenny, Eunice von seinen Qualitäten zu überzeugen, und als er zaghaft Fortschritte macht, bricht die Welt die sie kennen langsam zusammen.

Gary Shteyngart gilt als einer der ganz großen jungen Schriftsteller Amerikas, und diesen Status hat er mit seinem neuen Roman geschickt zementiert: Seine Version von der Zukunft ist so beängstigend, weil sie mit Elementen spielt, die es in unserer Gesellschaft längst gibt. Keiner dieser Gedanken ist neu, aber Shteyngart bündelt sie und treibt sie sehr gekonnt auf die Spitze – weit, aber nicht zu weit. Man wird das Gefühl nie los, dass er so falsch nicht liegt, und dass seine Vision nicht mal eine besonders ferne Zukunft beschreibt.

Ganz nebenbei diskutiert Shteyngart in Super Sad True Love Story einige der ganz großen Themen der Literatur wie Liebe und Sterblichkeit. Und trotzdem ist Shteyngarts erste Priorität zu unterhalten.

Trotzdem: Eine besonders angenehme Leseerfahrung war Shteyngarts Super Sad True für mich nicht. So clever und witzig sie auch ist: laut gelacht habe ich selten und selbst wenn, war es eine unbehagliche Variante. Als Comic Relief scheint Shteyngarts Humor nicht gedacht zu sein, zumal man fast immer über die Charaktere und nicht mit ihnen lachen muss.

Sich mit ihnen wirklich wohl zu fühlen, ist also nicht ganz leicht: Lenny Abramov ist zwar ein Relikt aus unserer Zeit, mit seiner Liebe für Bücher und dem Glauben an innere Werte – aber er ist ein schwacher Charakter, der vor denen, die Macht über ihn haben, auf den Knien rutscht.

Eunice konmt von der anderen Seite des Spektrums: Sie ist eine moderne Frau, schön, vollständig digitalisiert, fast ausschließlich mit Äußerem beschäftigt. Nur eins haben sie gemeinsam: Beide lassen sich von ihren Mitmenschen in der Gegend rumschieben wie Mensch-ärger-Dich-nicht-Figuren.

Natürlich entwickeln sich sowohl Lenny als auch Eunice, und Gary Shteyngart erzählt viele berührende Szenen. Aber ich glaube, um Super Sad True Love Story rückhaltlos zu mögen muss man nicht nur den kompromisslosen Humor von South Park mögen, sondern auch Geschichten wie die TV-Serie Breaking Bad, wo sich die Charaktere immer tiefer und tiefer in die Scheiße reiten und jede Erleichterung nur vorübergehend ist.

Ich persönlich kann Super Sad True Love Story deshalb zwar bewundern, aber nicht lieben. Dabei ist es eine bemerkenswerte Leistung: Eine Dystopie, die uns leicht veränderte Versionen unserer selbst als Schreckensszenario unter die Nase hält – und das, ohne sich selbst ernst zu nehmen.

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  • 8. September 2011 auf 23:25

    Okay, ich mag South Park – aber Breaking Bad muss ich mir wohl noch anschauen, das sagt mir nämlich gar nichts :S

    Ich nehme an, dass du’s empfehlen kannst 🙂

    • 9. September 2011 auf 18:28

      Oh ja, Breaking Bad ist genial. Eine der besten Serien der letzten Jahre, bei der jede Folge wie ein kleiner Coen Brothers-Film ist. Mit zwei genialen Hauptdarstellern und sehr viel schwarzem Humor (obwohl es keine Comedy ist). Inzwischen läuft die vierte Staffel, richtig gut wird die Serie ab der zweiten.

    • 9. September 2011 auf 19:24

      Sehr, sehr gute Serie, aber ist nicht jedermanns Sache (meine zum Beispiel eher weniger); testen würd ich’s auf jeden Fall mal! – PS: Jetzt hab ich mich aber richtig eingeloggt 😉

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