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Buchkritik: Erin Morgenstern – Der Nachtzirkus

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Buchkritik: Erin Morgenstern – Der Nachtzirkus

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In letzter Zeit bin ich zunehmend mit einem leeren, frustrierten Grummeln im Bauch durch Buchläden gewandert, die eigentlich zu meinen liebsten Lieblings-Orten gehören. Fast alles, was bei den Neuerscheinungen ausliegt, kommt mir elend bekannt vor, sogar in der Fantasy-Abteilung, wo das doch eigentlich per Definition ausgeschlossen sein sollte. Natürlich gibt es immer mal das ein oder andere Buch, das sich nicht im Genre-Einheitsbrei dreht, aber so richtig überrascht war ich selten.

Im Moment ist das zum ersten Mal seit bestimmt drei Jahren wieder anders: In den letzten Wochen ist knapp die Hälfte der Bücher erschienen, auf die ich mich dieses Jahr am meisten gefreut habe; fast alles Bücher, die mit Schubladen nichts am Hut haben.

Eine der kreativsten Ideen dieses Büchersommers hatte die Künstlerin Erin Morgenstern, die einen ganz ähnlichen Hintergrund hat wie Frau-des-Zeitreisenden-Schöpferin Audrey Niffenegger, die prompt auf dem Cover blurbt. Und zwar in höchsten Tönen. Vielleicht ist das einer der Gründe, dass Der Nachtzirkus in der englischsprachigen Welt einer der größten Bestsellern von 2011 war.

Erin Morgensterns Debüt-Roman spielt im ausgehenden 19. Jahrhundert in London, wo die zwei größten Magier ihrer Zeit (gleichzeitig Bühnen-Magier und „echte“) eine Abmachung treffen: Jeder von ihnen zieht einen Schüler groß, einen begabten Waisenjungen der eine, seine ebenso begabte Tochter der andere, die sich, wenn die Zeit kommt, gegenseitig in einem Wettkampf mit vage definierten Regeln gegenseitig übertreffen sollen, bis der Bessere gewinnt.

Die Bühne für den Wettstreit der jungen Magier ist der Nachtzirkus, ein phantastisches Wunderland, das nur in der Nacht geöffnet ist, Heimat von Rätseln und Wundern und der besten Artisten der Welt; ein erwachseneres, mysteriöses wanderndes Disney-Land, das stets ohne Ankündigung auftaucht, und direkt aus der Vorstellungskraft eines Schriftstellers der Romantik zu stammen scheint.

Erin Morgenstern ist sichtlich verliebt in ihre Idee, und anstatt den Zirkus am Anfang ihres Romans einmal einzuführen und dann der Handlung zu überlassen, fährt sie unablässig Details auf, die die Athmosphäre im Nachtzirkus immer mehr verdichten. Ihr riesiger schwarz-weißer Zirkus ist so vollgepackt mit den phantastischsten Ideen, dass mir beim Lesen ein Kloß im Hals gewachsen ist – vor Sehnsucht, wenigstens eine Nacht dort verbringen zu können, von Zelt zu Zelt zu wandern und dem Zirkus seine Geheimnisse zu entlocken.

Die Geschichte, die sich zwischen den Zelten abspielt, ist nicht von atemloser Spannung, Der Nachtzirkus ist alles andere als ein Thriller. Erin Morgenstern erzählt sehr gemächlich und lässt sich Zeit, alle Spielsteinchen (sprich: Figuren) in die richtige Position zu bringen, bevor sie zum furiosen Finale ansetzt. Trotzdem wollte ich von der ersten Seite an wissen was passiert. Denn die Geschichte ist so offen, und es ist so unklar wohin sie sich entwickeln wird, dass sie genau die gleiche Art Wunderland ist wie der Zirkus, wo man nie weiß was sich hinter der nächsten Ecke verbirgt.

Das heißt nicht, dass Der Nachtzirkus ein makelloses Buch wäre. Die Charaktere zum Beispiel könnten zumindest teilweise noch besser entwickelt sein. Da Erin Morgenstern von Kapitel zu Kapitel anderen Charakteren folgt und das Ensemble insgesamt recht groß ist, nimmt sie sich für viele der kleineren, aber auch einen der Haupt-Charaktere nicht genügend Zeit. Auch wenn dieses Springen das Durchstreifen des Zirkus‘ spiegelt, von Zelt zu Zelt, war das keine gute Entscheidung.

Immerhin manche Charaktere wachsen einem aber unverschämt schnell ans Herz, der kleine Bailey zum Beispiel, der kaum vorkommt, aber trotzdem einer der wichtigsten und am besten ausgearbeiteten Charaktere ist, oder Celia, eine der zwei konkurrierenden Magier und die „Illusionistin“ des Zirkus.

Ganz davon abgesehen ist Der Nachtzirkus so athmosphärisch, so einzigartig, verzaubert und leidenschaftlich und im Einheitsbrei des Buchmarktes ein so erfrischender Einzelgänger, dass ich den ein oder anderen etwas schemenhaften Charakter dafür gerne in Kauf nehme. Der Nachtzirkus ist ein faszinirendes, kreatives Debüt, und es steht zu hoffen, dass Erin Morgenstern ihm – anders als etwa Audrey Niffenegger – eine ganze Reihe genauso faszinierender, kreativer Bücher folgen lässt.

 

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  • 9. April 2012 auf 10:41

    Ich bin so sauer, dass ich mich auf Vorablesen dafür beworben habe!!!
    Deswegen Spiele ich auch schon länger mit dem Gedanken mir das Buch zu holen, aber mein SuB wird sich nicht freuen…
    Du hast mich aber noch einmal mehr überzeugt 😉

    • 9. April 2012 auf 14:53

      Huch, warum denn sauer? Hat es nicht geklappt? Ich kann den Nachtzirkus aber wirklich nur empfehelen, SuB hin oder her 😉 Wie hoch ist er denn?

      • 9. April 2012 auf 15:39

        ich hab es in der Woche irgendwie verplant und hatte ach nicht so viel Zeit… mein Sub beträgt knapp 70, das hört sich vllt. nicht so viel an, aber ich habe auch nur c.a. 100 Bücher, weil ich eine menge ausleihe.
        aber wie ich mich kenne, werde ich gleich morgen meinen Stammbücherladen besuchen, dort hab ich den Nachtzirkus nämlich auch schon gesehen 🙂

  • 26. November 2012 auf 17:40

    Hi, ich hab deine Webseite gerade zufällig beim Stöbern gefunden, aber was du über den Nachtzirkus schreibt, kann ich voll und ganz unterschreiben! Ich hatte es zufällig entdeckt und mich sehr gefreut, dass es endlich mal wieder moderne Fantasy-Literatur fernab von Vampiren, Werwölfen und Dämonen gibt.
    Echt ein Glücksgriff!

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