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Buchkritik: E. L. James – Shades of Grey

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Buchkritik: E. L. James – Shades of Grey

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Twilight für große Mädchen

Ich habe noch nie gesehen, dass auf der deutschen Ausgabe eines Buchs in einer kleinen Ecke das Cover der Originalausgabe abgedruckt wäre. Der Grund dafür ist wohl ganz einfach: Die deutsche Ausgabe von E. L. James‘ 50 Shades of Grey erscheint relativ spät, und überall sonst auf der Welt ist das Debüt der schottischen Autorin schon längst ein Megaseller; mehr noch: ein Phänomen.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Anastasia Steele, 21, hübsch, unerfahren und alles andere als selbstsicher, begegnet zufällig Christian Grey, 27, unglaublich reich, unglaublich schön, unglaublich selbstsicher. Vor allem weiß er sehr genau was er will: keine „normale“ Freundin, sondern eine Geliebte, die ihm vertraglich zusichert, sich ihm in BDSM-Sessions als devotes Sub zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig sind ganz große Gefühle im Spiel, so dass sowohl Ana als auch Christian weiter gehen, als sie es selbst für möglich gehalten hätten, um sich irgendwo in der Mitte zu treffen.

Wer Twilight kennt und über Shades of Grey nichts weiter weiß, wird sich beim Lesen wundern: Nicht nur ist Ana dunkelhaarig, blass, hübscher als sie denkt und ungeschickt, sie liebt außerdem Bücher (besonders britische Klassiker), kocht gerne und gut, hat eine neuverheiratete Mutter in den Südstaaten, einen (Stief-)Vater der gerne fischt und einen ethnischen besten Freund, der in sie verliebt ist und sich mit Autos auskennt. Christian dagegen: weltmännisch (mit 27!), steinreich (mit 27!), überirdisch schön und „gefährlich“ (nur dass der unstillbare Blutdurst durch genauso unstillbares und „düsteres“ sexuelles Verlangen ersetzt ist).

Ja, E. L. James hat schamlos von Stephenie Meyer abgeschrieben. Der Grund dafür ist keine einfache Umverschämtheit – 50 Shades of Grey ist als Fanfiction entstanden, Bella und Edward haben erst nach einer Weile eigene Namen bekommen (und zumindest in einigen Zügen so etwas wie einen eigenen Charakter).

Für uns Leser ist das, sobald man die Ähnlichkeit hingenommen hat, ein Glück. Denn mit den Eigenschaften der Charaktere hat E. L. James auch die Chemie zwischen ihnen übernommen – und das, was sie für die Leser so unwiderstehlich gemacht hat: ihre Offenheit. Bella/Ana ist weniger ein fertiger Charakter als ein Gefäß mit ein paar liebenswerten Eigenschaften, die auf viele Leserinnen im Zielpublikum ebenfalls zutreffen, und das macht sie zum perfekten Identifikationsobjekt. Christian bietet auf der anderen Seite ein bisschen was für jeden Geschmack: stabil (finanziell), gefährlich (in abgestecktem Rahmen), und obwohl er alle haben könnte, will er nur Ana.

Für ein Charakterdrama wäre das eine Katastrophe. Aber für dieses Genre, eine Mischung aus Romance und Erotika, gibt es kein effektiveres Mittel. Wer sich von den Schwächen des Romans nicht aus dem Konzept bringen lässt, hat die Chance, sich ein kleines bisschen mit Ana in Christian zu verlieben und vor allem den (enormen) Reiz des Neuen mitzuerleben.

Aus literarischer Sicht ist Shades of Grey allerdings eine mittlere Katastrophe. Vor allem am Anfang hat E. L. James überhaupt kein Gefühl dafür, wie viele „oh mys“ und „holy craps“ der Leser verträgt (ungefähr 5% von denen, die sie uns – zumindest im englischen Original – zumutet); auch dass Charaktere sich ständig mit Namen ansprechen ist nicht gerade ein Zeichen für guten Stil, und Anas Schwärmerei wannimmer Mr. (zumindest von außen)-Perfect den Raum betritt lässt Bella Swan dezent aussehen.

Auch der Protest aus dem feministischen Lager wundert mich nicht: Gerade in der ersten Hälfte des Buchs verliert Anastasia in Christians Anwesenheit regelmäßig 80 Prozent ihrer Selbstachtung und würde – fast – alles für ihn tun. Das ist aber nur eine Seite der Medaille: Die andere Hälfte des feministischen Lagers preist 50 Shades of Grey als Meilenstein was die Offenheit gegenüber Sex, und nicht nur Blümchen-Sex, betrifft: Obwohl es wesentlich besser geschriebene und vor allem auch wesentlich besser recherchierte BDSM-Erotika gibt, hat sie es nicht in den Mainstream geschafft. 50 Shades of Grey schon.

Wer sich mit BDSM auskennt, wird über E. L. James‘ Debüt-Roman wahrscheinlich herzlich lachen, und dass Männer sich so richtig mit Ana identifizieren können, wage ich auch zu bezweifeln. Aber Frauen, die (wie ich) zum ersten Mal ein solches Buch in der Hand hält und über die stilistischen Schwierigkeiten hinwegsieht, der hat einen Türöffner in der Hand: in die Welt der SM-Erotika, und für einige vielleicht sogar in die kinky-Ecke des nächsten Sex-Shops.

PS: Die Filmrechte sind natürlich längst verkauft – da bin ich ja mal sehr gespannt, wie die Studios (Universal und Focus Features) den Stoff auf Blockbuster-taugliche PG13 gedrückt kriegen wollen.

PPS: Sehr überrascht war ich von E. L. James‘ musikalischem Geschmack, der alle paar Seiten durchblitzt. Dafür, dass hoffentlich möglichst viele Fans nach dem Lesen Thomas Tallis‘ „Spem in Alium“ googeln, dürfte ihr die Klassikszene dankbar sein. Oder, noch schöner, die zarte, herzzerreißende, pulsierende Aria aus Heitor Villa-Lobos‘ fünfter Bachiana Brasileira:

youtube=http://www.youtube.com/watch?v=YIrMJ_ix0FA&w=480&h=270

 

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  • A.T
    29. August 2012 auf 04:54

    Ich finde die hier geschribene Kritik von dem Buch wirklich sehr sachlich und aufschlussreich. So kann sich wenigstens jeder selbst ein Bild machen, ob er es lesen möchte oder nicht. Man merkt, dass das Buch wirklich gelesen wurde und nicht nur mal „darübergeflogen“ wurde.
    Es handelt sich hier um eine faszinierende Erotikstory, in der es auch um Liebe geht. Die Frau wird nie gegen ihren Willen behandelt… Sie hat Spaß an dem was sie machen… es geht um Liebe und um Sex…Wir sind im 21. Jahrhundert … warum hier immer noch einige eins auf Moralapostel machen, versteh ich nicht… ich bin nicht in der BDSM-Szene nicht zugange, aber es hindert mich nicht daran, dass was in dem Buch darüber steht spannend zu finden. Ich finde auch diese Innenre Zerissenheit von Anna immer wieder niedlcih. Zum einene ihr Unterbewusssein, dass Ihre Vernunft dastellt, und die „Inne Göttin“, die für die sexuelle Entwicklung und Reife steht…
    Ich finde das Buch superspannend und hab‘ es nicht mehr aus der Hand gelegt…

    PS:
    Warum der Verlag und auch die Autorin eine Rüge von so vielen sogenanneten professionellen Kritikern für diesen Titel bekommen hat, kann ich nicht verstehen! Wenn es sich schon in so vielen Ländern (und das prüde Amerika war nicht das Erste…) Milionenfach verkauft hat, kann ich nicht verstehen, warum dieses Buch von hiesigen Kritikern so verachtend behandelt wird. Manchmal hat mein bei den Kritiken sogar den Eindruck, dass das Buch nicht gelesen wurde.

  • Paul.A. Sommer
    20. November 2012 auf 21:58

    Ich habe das Buch im Original gelesen und auf Deutsch. Das Original fand ich persönich interessanter…zumindest den ersten Teil, der zweite schließt an die Anfangsgeschichte an und im Dritten, wie in vielen Filmen auch, gehen die Pferde mit ihr durch und die Autorin topt ein Ereignis nach dem anderen und es wirkt wirklich mehr als unglaubwürdig und die anfänglich schöne Geschichte ist dahin…und das in rasanten 3-4 Monaten Beziehung und der Dauersex auch mittlerweile langweilig, es wiederholt sich ständig mit leichten Veränderungen…. Auch sind die Sexszenen gar nicht so erotisch, wie ich gedacht habe und die deutsche Übersetzung spinnt Szenen dazu, die es im Original gar nicht gegeben hat!

    Twilight ist an mir vorbeigegangen…ich hatte es bis dato nicht gesehen, erst letztens im TV…und ohne es zu kennen, war ich total an Fifty Shades of Grey erinnert….Ja, da hat jemand gnadenlos abgekupfert und sich seine Hauptakteure nach der Twilight-Besetzung zusammengedichtet….und auch die Story….

    Daher kann ich der Kritik hier absolut zustimmen- und meine Verwunderung über die Ähnlichkeit zu Twilight – hat nun ihre Erklärung!

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