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Buchkritik: Charles Yu – Handbuch für Zeitreisende

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Buchkritik: Charles Yu – Handbuch für Zeitreisende

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Ein ontologischer Hund muss was Feines sein: Streicheln, Schwanzwedeln und nette Gesellschaft: ja; Gassigehen und Hundekotze vom Boden aufwischen: nein. Dummerweise gibt es einen solchen Hund nur in Charles Yus Roman Handbuch für Zeitreisende. Er heißt Ed und gehört dem Protagonisten, einem Zeitmaschinen-Ingenieur namens Charles Yu.

Charles, Ed und Tammy, das schüchterne Betriebssystem aus deren kleiner Zeitmaschine, reisen herum und helfen Kunden aus der Patsche, die „die Regeln“ verletzt haben, sprich: auf ihren Zeitreisen die Vergangenheit verändern wollen. Nur hätte Charles selbst nichts dagegen, die Vergangenheit zu ändern – wegen der großen, alles überschattenden Enttäuschung in seiner Jugend, und erst recht nachdem er eine zukünftige Version seines eigenen Ichs erschossen hat.

Charles Yu windet Zeile für Zeile einen immer dickeren Dicken Knoten ins Hirn seiner Leser, indem er unbequeme Fragen stellt – Was ist Zeit, was ist Realität? – und noch unbequemere Antworten gibt. Vor allem aber beschäftigt er sich mit dem Thema Identität.

Indem sein Protagonist den gleichen Namen trägt wie er selbst, zum Beispiel, und irgendwann im Laufe des Romans anfängt einen Ratgeber namens „Handbuch für Zeitreisende“ zu schreiben. Und indem der fiktionale Charles Yu einem anderen Charles Yu begegnet: Wie wirkt sich ein Zeitpunkt auf die Identität aus – bin ich in einer Stunde immer noch ich, oder haben mich die Erfahrungen innerhalb dieser Stunde zu jemand anderem gemacht? Und hat eine Maschine ein Ich, wenn es glaubt, eine echte Person zu sein? Und: Gibt es so etwas wie Selbstbestimmung überhaupt?

Das Handbuch für Zeitreisende gehört zu den intelligentesten Romanen, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, und auch zu den ökonomischsten: Jedes Wort in Yus Geschichte dient dem Zweck, solche Fragen aufzuwerfen. Das macht sein Debüt allerdings eher zu einer Parabel denn zu einem Roman. Audrey Niffenegger (Die Frau des Zeitreisenden) blurbt auf der Rückseite, „Ein großer Spaß“. Aber zumindest mein Spaß war rein intellektuell. Mit sinnlichem Sich-in-eine-Geschichte-werfen-und-darin-ertrinken hat das nichts zu tun.

Das gilt auch für den Witz, den der New York Times Book Review Yu bescheinigt (das seinen Roman 2010 außerdem zu den 100 Notable Books des Jahres gezählt hat): Absurde Konzepte statt komischen One-Linern; Witz also, der in den Kopf geht und nicht in den Bauch.

Ich bin nicht unbedingt ein Fan davon, dass ein literarischer Text als Entschuldigung herhalten muss, damit der Autor ein theoretisches Konzept erörtern kann. Das hat mir zum Beispiel den Spaß an Julian Barnes‘ Vom Ende einer Geschichte verdorben; von Günter Grass‘ kürzlich erschienenem „Gedicht“ mal ganz zu schweigen – vom umstrittenen Inhalt mal ganz abgesehen war das kein Gedicht, sondern ein sprachlich ungeschliffener Prosatext mit willkürlichen Zeilenumbrüchen.

Charles Yu geht nicht ganz so weit, sein Handbuch für Zeitreisende hat zum Glück auch den ein oder anderen emotionalen Moment, vor allem wenn Charles mit Ed und Tammy interagiert, und ist sprachlich gewandt (das gilt auch für die Übersetzung von Peter Robert). Außerdem sind die Denkanstöße, die sein Roman gibt, so interessant wie nachhaltig. Trotzdem hätte mir sein Buch noch besser gefallen, wenn er auf einen Teil des „Ballasts“ verzichtet hätte – ein, zwei kluge Gedanken weniger und ein sparsamerer Umgang mit Technobabble (Star Trek ist harmlos hiergegen) hätten bestimmt nicht geschadet.

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  • 7. Juni 2012 auf 20:19

    Zeitreiseromanen sind Romane, die ich unheimlich gern lese. Da kann man so viel mitkombinieren und kommt doch nicht so richtig zu einem Ergebnis. Ich finde das wirklich faszinierend, wenn man sich überlegt, was wäre wenn … Ich muss mir das Buch mal auf meine Wunschliste schreiben. Das könnte mir gefallen.

    • 8. Juni 2012 auf 11:06

      Ich mag die auch sehr – wobei ich diese Highlander-Variante, die in den 90ern überall aus dem Boden geschossen ist, ein bisschen ermüdend fand. Nicht, dass ich mich als 13jährige nicht auch in Diana Gabaldons Jamie verliebt hätte, aber beim 35. Klon hatte ich dann keine Lust mehr =)
      Zum Kombinieren ist das Handbuch für Zeitreisende auf jeden Fall das Richtige.

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