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Buchkritik: Carol Birch – Der Atem der Welt (Booker Prize)

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Buchkritik: Carol Birch – Der Atem der Welt (Booker Prize)

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Am 18. Oktober, nur eine Woche nach der Verleihung des Deutschen Buchpreises, findet in London eins der wichtigsten Ereignisse der internationalen Literatur-Szene statt: Der Gewinner des Man Booker Preises 2011 wird verkündet. Um uns auf den großen Tag vorzubereiten, stellen wir bis Dienstag täglich einen der sechs Shortlist-Romane vor, die eine Chance auf den Booker haben.

Worum geht’s?

Mit acht Jahren erhält Jaffy Brown die Chance seines Lebens: Bei einer Parade wird er von einem Tiger gebissen, und dessen Besitzer, Jamrach, bietet ihm zum Trost einen Job an: als Gehilfe in seiner Menagerie. Von dort aus erkundet Jaffy das London des viktorianischen Zeitalters – und die See; denn einer von Jamrachs Kunden hat sich in den Kopf gesetzt, einen Drachen zu fangen.

PopKulturSchock denkt…

Der Atem der Welt basiert lose auf dem echten Charles Jamrach, der im 19. Jahrhundert auf den Import wilder Tiere spezialisiert war und einen Achtjährigen aus den Kiefern eines Tigers gerettet hat. Carol Birch nimmt das – und all die anderen Recherchen, mit denen sie sich offensichtlich ausführlich beschäftigt hat – aber nur zum Ausgangspunkt, um eine ganz andere Geschichte zu erzählen, in der die Menagerie als kontrastierender Rahmen fungiert: als sicherer Hafen, nach dem sich Jaffy auf See zurücksehnt.

Vielleicht wäre alles andere für Carol Birch auch ein zu enges Korsett geworden. Ihre Erzählfreude ist in jeder Zeile spürbar: In der detailverliebten, ungeheuer dichten Sprache, die so unablässig Bilder heraufbeschwört, dass die einen noch gar nicht verblasst sind während das nächste schon entsteht. Und sie ist spürbar in dem Übermut, mit dem Birch ihre Abenteuergeschichte auf den Leser loslässt.

Das gilt allerdings vor allem für den ersten Teil des Buchs. Der zweite ist wesentlich düsterer, und hier zeigt Carol Birch, wie elegant und subtil sich ihre Geschichte entfaltet. Fast unbemerkt entwickelt sie eine ungeheure Intensität, die sich in jedes einzelne Wort schleicht, und bis in die Finger des gebeutelten Lesers. Der Höhepunkt der Spannung ist zudem dramaturgisch meisterhaft vorbereitet und von fast absurder Unabwendbarkeit.

Die Chancen:

Jamrach’s Menagerie dürfte einer der Publikumslieblinge des diesjährigen Bookers sein: Ungeheuer spannend und unterhaltsam, sprachlich wunderschön, mit tiefen Verbeugungen in Richtung Moby Dick und Charles Dickens; sowohl was das Setting und einige Charaktere betrifft, als auch die Erforschung der sogenannten Conditio Humana – in diesem Fall, was ein Mensch bereit ist zu tun, um zu überleben.

Trotzdem ist Carol Birch vor allem eine geborene Erzählerin, und entscheidet sich im Zweifel zugunsten ihrer Geschichte und nicht zungunsten des erhobenen Zeigefingers oder der klugen Beobachtung. Nicht nur ist ihr Roman damit eine kleine Antithese zu Julian Barnes‘ ebenfalls nominierten Ende einer Geschichte, dem Favoriten der Londoner Buchmacher, sondern auch die zum typischen Lockvogel für Preiskommitees. Es würde mich deshalb überraschen, wenn Der Atem der Welt gewinnen würde – aber genauso sehr, wenn der Roman sich nicht auch bei uns hervorragend verkaufen würde.

 

Der Booker bei PopKulturSchock

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Ein ganz großes Buch, das den Booker 2011 nicht gewonnen hat - zu unrecht, wie ich finde. Auch mehrere Shortlists später ist "Der Atem der Welt" immer noch einer meiner Alltime-Lieblings-Booker-Nominierten.

Pop / Kultur / Schock: KULTUR mit jeder Menge SCHOCK.

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  • 17. Oktober 2011 auf 16:57

    Das schönste und traurigste Buch, das ich in letzter Zeit gelesen habe… Carol Birch ist der Booker Prize zu gönnen, auch wenn es – wie du ja auch schreibst – leider eher unwahrscheinlich ist.

    • 18. Oktober 2011 auf 15:12

      Ich würde ihn ihr auch gönnen! Gerade nachdem ich jetzt alle sechs Bücher gelesen habe. So sehr mir einige der anderen auch gefallen haben (zum Beispiel die Sisters Brothers), Jamrach’s Menagerie wird in meiner Erinnerung mit jedem Tag der vergeht noch besser, und es hat mich auch einfach am meisten gepackt.

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