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Buchkritik: Brom – Der Kinderdieb

Buch

Wir kennen ihn als rundgesichtigen, grün gekleideten, fröhlichen Jungen, schlimmer als ein Sack Flöhe, immer zu Abenteuern aufgelegt und zuverlässig an der Seite seiner Freunde, wenn sie ihn brauchen. Egoistisch, ja, aber im Grunde seines Herzens ein netter Kerl – eine magische Variante von Pippi Langstrumpf.

Mit dem Peter Pan, den der schottische Autor James M. Barrie 1902 für seinen Roman The Little White Bird erfand und dem er 1904 ein eigenes Theaterstück und sieben Jahre später einen Roman widmete, hat dieses Bild aber gar nicht so viel zu tun. Barries Peter ist genauso sorglos und abenteuerlustig, aber er hat wesentlich dunklere Untertöne. Schließlich symbolisiert Peter die Kindheit, und Kinder können bekanntlich auch grausam sein.

Diese Untertöne zerrt Fantasy-Künstler und Autor Brom in seinem vierten Roman Der Kinderdieb aus den Tiefen der Peter-Pan-Mythologie ans Licht, und zwar mit Vehemenz. Die Welt, in der sein Peter sich behaupten muss, ist allerdings auch kein Ponyhof. In schottischen Mythen hat Brom ein neues Zuhause für ihn gefunden: die Insel Avalon. Einst war sie ein Paradies, aber mittlerweile ist sie bevölkert von dämonischen Monstern, die die Insel nach und nach in Schutt und Asche legen, während sich das Feenvolk Avalons bis aufs Blut zerstritten hat.

In diese Welt bringt Peter Nick, den er in einem Park in New York vor dem sicheren Tod rettet. Gezwungenermaßen schließt Nick sich den „Teufeln“ an, Broms wesentlich rabiaterer Variante der „verlorenen Jungs“, die Streit mit einem Kampf bis zum ersten Blut bereinigen und unter denen man sich seinen Platz verdient, indem man den Monstern Avalons möglichst mutig die Stirn bietet.

Die Geschichte, die Der Kinderdieb von dort ausgehend erzählt, ist spannend und kreativ, hätte aber einen strengeren Lektor brauchen können: Auf den 650 Seiten des Romans hat Brom ausführlich Gelegenheit, sich mit seiner Handlung im Kreis zu drehen. Auch stilistisch ist sein Roman alles andere als perfekt; er entscheidet sich zu oft für sprachliche Klischees und sachte holpernde Formulierungen (die natürlich auch der Übersetzung geschuldet sein könnten).

Auf der anderen Seite trifft Brom eine sehr glückliche Entscheidung: die Geschichte von Peter Pan nicht einfach leicht abgewandelt nachzuerzählen sondern eine eigene Welt, eine eigene Mythologie zu schaffen. Er nutzt diese Freiheit, um Peter Pan in eine beeindruckend dichte und komplexe Welt zu versetzen, die mit Nimmerland zwar nichts mehr gemeinsam hat, deren Schrecklichkeit aber durch den Kontrast zu Barries gefährlichem aber freundlichem Abenteuerland trotzdem unterstrichen wird.

Brom lässt uns Zeit, diese Welt in Ruhe zu erkunden. Wir betreten sie gemeinsam mit Nick , und genau wie auf ihn stürmen alle Eindrücke auf einmal auf uns ein, verwirrend und furchtbar, und ohne ohne Erklärung. Erst langsam entwirrt der Autor die Fäden und erklärt, wie die verschiedenen Figuren und Kreaturen zusammenhängen, und wie Avalon funktioniert.

Diese Figuren und Kreaturen sind dessen größte Leistung. Denn er erstreckt das Prinzip, das James M. Barrie auf Peter Pan anwendet, auf seine ganze Welt und so gut wie jede Figur darin: Peter ist trotz aller Finsternis auch bei ihm eine zutiefst zerrissene, widersprüchliche Figur mit nachtschwarzen aber auch strahlend hellen Seiten. Und anders als bei Barrie gilt das auch für Nick, die „Teufel“, die Herrin Avalons, ihre mörderische Schwester, und sogar Peters alte Nemesis, den Kapitän.

Brom lässt in der Schlacht um Avalon nicht Gut gegen Böse antreten, sondern archaische gegen moderne (oder besser modernere) Kräfte, Selbstaufgabe gegen Egoismus, Fanatismus gegen Fanatismus und vor allem: die Ängste der einen Seite gegen die der anderen.

Der Kinderdieb ist eine komplexe, gut durchdachte Geschichte, und Brom beweist darin, dass er ein phantastischer und geschickter Weltenbauer ist. Barries Original und die vielen Adaptionen, die die meisten Leser kennen dürften, nutzt er geschickt als impliziten Kontrast, als Hintergrund, der nie erwähnt wird, aber immer da ist. Mit einem besseren Lektorat, 200 Seiten weniger und vielleicht etwas mehr von dem skurrilen Humor, der gelegentlich aufblitzt und leise an Barrie erinnert, hätte Der Kinderdieb ein moderner Fantasy-Klassiker werden können. Dass das nicht gelungen ist, tut bei all dem Potenzial schon ein bisschen weh. Trotzdem ist und bleibt Broms Roman ein spannendes, wunderschön illustriertes und atmosphärisch dichtes Update von Barries Geschichte um den Jungen, der nicht erwachsen werden wollte.

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