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Buchkritik: Beth Revis – Godspeed

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Buchkritik: Beth Revis – Godspeed

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Godspeed, Rechte: Dressler VerlagPink ist das neue Schwarz? Nein, dystopische Science-Fiction ist der neue Vampir-Roman, zumindest was den Jugendbuch-Sektor betrifft. Im Zuge der Tribute von Panem, die gerade verfilmt werden, ist ein ganzer Stall junger Autoren auf der Bildfläche erschienen, die den neuen Hype nutzen, um ihre düstere Zukunftsvision an den Mann zu bringen. Auch wenn bei den Verlegern vermutlich hauptsächlich die Vermarktungsmöglichkeiten im Vordergrund stehen, ist das Genre geeignet wie kaum ein anderes, uns ans Nachdenken zu bringen. Schließlich müssen in all diesen Büchern, von Fahrenheit 451 über 1984 bis hin zu den Tributen von Panem die jungen Protagonisten immer wieder ihre eigenen Moralvorstellungen gegen ein übermächtiges System behaupten.

So ist es auch in Godspeed, dem Debüt von Beth Revis: Zusammen mit ihren Eltern wird die 17jährige Amy für 300 Jahre tiefgefroren, um auf dem titelgebenden Schiff Godspeed schlafend zu einem neuen Planeten transportiert zu werden, wo die Menschheit ein zweites zu Hause finden soll. Jahrhunderte später wacht Amy wieder auf – allerdings als einzige der tiefgefrorenen Passagiere, und immer noch 50 Jahre zu früh. Weit weg von der alten wie der neuen Heimat muss Amy sich in der strengen und bedrohlichen Gesellschaft zurechtfinden, die das Schiff beherbergt. Und der einzige, der Amy mit Freundlichkeit begegnet, ist Junior, der zum nächsten Herrscher über Godspeed bestimmt ist.

Beth Revis‘ Geschichte fängt einen Schritt vor dem abgegriffenen Sci-Fi-Klischee an: Nicht da, wo die Hauptfigur aus dem Tiefschlaf aufwacht, sondern schon da, wo sie sich zur Reise auf Godspeed entschließt und tiefgefroren wird. Diese Szene gehört  – genau wie die folgenden – zum eindringlichsten und finstersten, was ich seit einer Weile gelesen habe. Angst, dunkle Vorahnungen und tiefe Verzweiflung stürzen geradezu auf uns ein.

Der Anfang war so gut, dass ich für ein paar Seiten geglaubt habe, Godspeed hätte womöglich das Zeug ein Klassiker zu werden. Aber auch wenn Amys Geschichte ziemlich unterhaltsam ist (kaum ist sie aufgewacht, überschlagen sich die Ereignisse und die Whodunit-Geschichte – wer hat Amy aufgetaut und warum? – ist gut konstruiert und spannend erzählt), und auch wenn Beth Revis ein eindringliches Gegenbild zu unserer Gesellschaft entwirft, kommt vieles in ihrem Debüt einfach nicht zusammen. Das hat mehrere Gründe.

1. Wie Forbidden, eines der besten Jugendbücher des Jahres, ist Godspeed abwechselnd aus der Sicht der beiden Hauptfiguren erzählt. Während die wechselnde Perspektive den Leser in Forbidden allerdings tiefer und tiefer in die Gefühlswelt der zwei Protagonisten hinein zerrt, nutzt Beth Revis sie, um die Gesellschaft von Godspeed aus zwei Blickwinkeln zu betrachten: von innen (Juniors Sicht) und von außen (Amys).

Eine gute Idee, aber der Charakter von Amy macht das unnötig. Denn auch wenn auch sie aus der Zukunft kommt, ist sie ein völlig durchschnittliches Mädchen, aufgewachsen mit den Gesellschaftsstrukturen, die wir kennen. Ihre Sicht auf die Welt von Godspeed ist also in etwa die, die auch die meisten Leser einnehmen dürften. Dass Beth Revis uns immer wieder erklärt, wie Amy das Leben auf Godspeed sieht und wie also wir es sehen sollten, ist deshalb überflüssig – auch in einem Jugendbuch.

2. Nicht nur unterscheiden sich Amys und Juniors Erzählstimmen so wenig, dass ich manchmal nachblättern musste, um herauszufinden bei wem ich gerade bin – die Charaktere sind auch dünn wie das Papier, auf dem sie entworfen sind. Keiner von beiden wird lebendig, keiner von beiden entwickelt sich konsequent. Das gilt leider auch für die meisten Nebenfiguren, die immer das tun, was die Handlung von ihnen verlangt, statt dem, was ihr Charakter verlangen würde.

3. Die Liebesgeschichte in Godspeed ist so unorganisch in den Fortschritt der Handlung hineingezwängt, als wäre sie eigentlich gar nicht vorgesehen – als hätte das Lektorat sie verlangt, um das Buch besser vermarkten zu können. Zwar ist Junior von Anfang an fasziniert von Amys Äußerem (das sich von dem der anderen Schiffsbewohner sehr unterscheidet), aber es entwickelt sich keinerlei Chemie zwischen den beiden. Die kleine Kussszene irgendwo in der Mitte des Buches ist fast gänzlich unvorbereitet, und Beth Revis nimmt diesen Faden auch kaum wieder auf. Den Aspekt hätte man vielleicht besser für die geplanten Nachfolgebände offen gelassen.

4. Die Gesellschaft auf Godspeed ist ein Gegenentwurf zu unserer, statt einer konsequenten, beängstigenden Weiterentwicklung, wie man sie in der meisten guten Science Fiction findet. Sicherlich ist auch dieser Gegenentwurf beängstigend – aber er ist eben nur das. Wo ist der Kommentar auf unsere Gesellschaft? Beth Revis hätte die Frage aufwerfen können, ob bestimmte Aspekte des rigiden, fast faschistischen Lebens auf Godspeed nicht Vorteile gegenüber unseren Gesellschaftsformen haben – aber sie tut es nicht. Fast alles auf der Erde ist gut und richtig, fast alles auf Godspeed ist schlecht. Amy muss sich nicht weiterentwickeln, sie muss ihren Horizont nicht erweitern, obwohl sie mit etwas völlig Fremdem konfrontiert wird. Und genauso wenig muss das der Leser.

Godspeed ist zweifellos spannend und unterhaltsam – aber der düstere, mutige Einstieg und die noch düsterere dystopische Gesellschaft zeigen so viel Potenzial, das Beth Revis einfach nicht genutzt hat, und dann ist ein mäßiges Buch doppelt ärgerlich. Gute Science Fiction will (und soll) schließlich aufrütteln, zum Nachdenken und Zweifeln anregen – und uns nicht bequem in unserem Lebenswandel bestätigen.

 

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