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Buchkritik: Alissa Nutting – Tampa

Buch
Überblick
Item Reviewed

Alissa Nutting - Tampa

Author
15. März 2014
Originaltitel

Tampa

Spielt in

Florida

Jahr

2014 (Originalversion: 2013)

Länge

288 Seiten

Verlag

Hoffmann und Campe

Hinter dem harmlosen Rosa verbirgt sich Sprengstoff

Alissa Nutting: TampaIch muss zugeben: Ich hätte dieses Buch auch dann gekauft, wenn es darin um Cockerspaniel gehen würde oder um Zirkusclowns. Das Cover ist einfach zu clever und attraktiv, um Alissa Nuttings Debüt in der Buchhandlung stehen zu lassen. Bei mir kam erschwerend hinzu, dass ich es in meiner absoluten Lieblingsbuchhandlung (für Kölner: die Klarenbachbuchhandlung auf der Aachener Straße) gefunden habe, und in dieser kleinen, aber umso feineren Buchhandlung noch nie ein schlechtes Buch habe stehen sehen.

In Tampa kommen keine kleinen Hunde und keine Clowns vor, aber nach den ersten Seiten habe ich mir gewünscht, es wäre doch so. Jemals in eine Achterbahn mit vielen Loopings gesetzt, und in dem Moment, wo der Bügel zugeht, gedacht: Scheiße, wär ich nur unten geblieben!? So fühlt sich dieser Roman an. Ja, schon auf der Rückseite steht, es gehe um eine pädophile junge Frau, die bewusst Teenager verführt. Aber das zu wissen und diesen Roman zu lesen, sind eben doch zwei paar Schuhe.

Anders als Humbert Humbert, der Liebhaber von Nabokovs Lolita, ist Celeste Price nicht hoffnungslos verliebt, sondern eine eiskalte Soziopathin, die überhaupt keinen Gedanken an Emotionen oder potenzielle Folgen verschwendet – von dem Bedürfnis, nicht in den Knast zu gehen, mal abgesehen.

Das wäre nicht so schwer zu ertragen – Psychopathen gibt es ja viele in der Literatur, und noch haben wir sie alle überlebt -, wenn Alissa Nutting sie uns nicht so perfide nah bringen würde. Sie lässt Celeste aus ihrer Perspektive erzählen, und die ist gerade menschlich genug, um bis zu einem bestimmten Punkt nachvollziehbar zu bleiben, und deshalb ist die Versuchung groß, sie eben doch an sich heran zu lassen. Das sind wir von Figuren, die aus der ersten Person erzählen, ja auch nunmal gewohnt.

Das Ergebnis ist schon unangenehm genug, wenn Celeste von ihren Begierden nach Jungenkörpern erzählt. Richtig böse wird es, wenn sie sie auslebt. Zumal Alissa Nutting wirklich ganz konsequent in Celestes Perspektive bleibt, und deswegen sind diese Szenen mit der gleichen Unbefangenheit und genauso explizit erzählt wie die aus einem durchschnittlichen Erotik-Roman.

Alissa Nutting erreicht ziemlich genau das, was sie will: Wir kommen beim Lesen nicht so recht von Celeste los, zumal sie eine sehr einnehmende Erzählstimme hat, und bei jedem neuen Grenzübertritt wächst das Bedürfnis, sich zu duschen. Angenehm ist dieses Leseerfahrung nicht, auch wenn sich Tampa alles andere als schwer liest und in null komma nichts vorbei ist, aber sie macht Eindruck – und sie wirkt nach.

Ob es wirklich nötig ist, Lesern klar zu machen, dass man sich von soziopathischen Pädophilen – und überhaupt vom  Soziopathen an sich – lieber fernhält (sofern man sie denn überhaupt als solche erkennt), weiß ich nicht. Ich denke, das wissen wir alle. Nötiger wäre vielleicht ein Buch, das sich mit dem Thema Pädophilie aus einer anderen Perspektive befasst: aus der eines Menschen zum Beispiel, der diese Neigung in sich erkennt und sie Zeit seines Lebens unterdrückt, weil er eben kein Sozio- oder Psychopath ist. Der Diskussion um das Thema würde das sicher gut tun.

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Tampa ist kein Meisterwerk, gehört aber doch zu den Romanen, die viel mehr zu geben haben als ein paar nette Stündchen, die einen die Welt aus einem anderen Blickwinkel erleben lassen, und sei er noch so unangenehm, und an denen man sogar ein paar Zentimeter wachsen kann. Und aus den Händen legen lässt er sich auch nicht.

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