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Buchkritik: A. D. Miller – Die eiskalte Jahreszeit der Liebe (Booker Prize)

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Buchkritik: A. D. Miller – Die eiskalte Jahreszeit der Liebe (Booker Prize)

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Am 18. Oktober, nur eine Woche nach der Verleihung des Deutschen Buchpreises, findet in London eins der wichtigsten Ereignisse der internationalen Literatur-Szene statt: Der Gewinner des Man Booker Preises 2011 wird verkündet. Um uns auf den großen Tag vorzubereiten, stellen wir bis Dienstag täglich einen der sechs Shortlist-Romane vor, die eine Chance auf den Booker haben.

Worum geht’s?

Anwalt Nicholas Platt will heiraten, aber zuvor muss er reinen Tisch machen und seiner zukünftigen Braut die dunkelgrauen Geheimnisse seiner Vergangenheit anvertrauen. Und so erzählt er ihr – und uns – von den Jahren, die er in Moskau verbracht hat, und wie er dort eines Winters in der schönen Masha sich selbst verlor.

PopKulturSchock denkt…

Die Hauptfigur in Snowdrops ist nicht der Erzähler, auch nicht Masha oder ihre Schwester, und schonmal gar nicht die bewusst gesichtslose Braut, die als leere Identifikationsfläche für den Leser fungiert während der Erzähler ihm immer weiter entgleitet. Nein, der wahre Protagonist, bei weitem stärker ausgestaltet als jede andere Figur und mindestens genauso maßgeblich am Verlauf der Handlung beteiligt, ist Russland.

Autor und Journalist A. D. Miller hat selbst mehrere Jahre als Auslandskorrespondent in Moskau verbracht und weiß also, wovon er spricht. Sein Russland ist ungeheuer lebendig. Er spielt mit unseren Vorurteilen, bestätigt (und zwar oft sehr witzig) das eine, entkräftigt im Vorbeigehen das andere. Aber vor allem macht er Russland ertast-, riech- und beißbar, so viel Substanz bekommt es in seiner Geschichte.

Miller geht nicht glimpflich mit seinem Erzähler um und hat keine Angst, wirklich düster zu werden; aber je finsterer die Handlung, desto leichter sein Ton, desto mehr kommt sein Humor zum Vorschein. Erstaunlich ist, wie gut Miller diese beiden Extreme ausbalanciert, und wie schnell er von einer Stimmung zur nächsten kommt, ohne jemals tollpatschig zu wirken.

Was Miller allerdings noch nicht ganz beherrscht, ist Suspense. Er arbeitet von Anfang an mit Hinweisen des Erzählers, dass Schlimmes folgen wird – und übertreibt damit manchmal etwas. Die fünfzehnte Bemerkung dieser Art weckt nur noch ein müdes Lächeln, die dreißigste Belustigung. Und vor allem weckt Miller so dermaßen hohe Erwartungen, dass er dem Ende einiges von der Wucht nimmt, die es hätte haben können.

Trotz dieser Macke, und auch wenn einige Nebenfiguren, allen voran Masha, definitiv mehr Fleisch hätten gebrauchen können, ist Die eiskalte Jahreszeit der Liebe ein beeindruckendes Debüt: effektiv aufgebaut, spannend, stilistisch elegant und unterhaltsam.

Die Chancen:

Die eiskalte Jahreszeit der Liebe ist der erste Roman von A. D. Miller. Ohne unken zu wollen: Bisher haben in der langen Geschichte des Man Booker nur fünf Debütanten jemals den Preis mit nach Hause genommen, und einer von ihnen war vorher schon als Dramatiker bekannt. Andererseits ist die Debüt-Ratio in den letzten paaren Jahren immerhin deutlich höher gewesen als in den Jahrzehnten zuvor; chancenlos sind Neulinge also auch nicht. Aber Millers Roman geht in eine ähnliche Richtung wie der von Julian Barnes: Beide beschäftigen sich mit der langsamen Dekonstruktion des Erzählers. Und auch wenn Die eiskalte Jahreszeit der Liebe wesentlich unterhaltsamer ist als Vom Ende einer Geschichte kommt Miller an Julian Barnes‘ hochelegante Struktur nicht heran.

 

Die deutschen Rechte für Snowdrops hat der Fischer Verlag gekauft; ein Veröffentlichungsdatum ist noch nicht bekannt.

Der Booker bei PopKulturSchock:

Julian Barnes – Vom Ende einer Geschichte

Patrick DeWitt – The Sisters Brothers

Carol Birch – Der Atem der Welt

Esi Edugyan – Half Blood Blues

Stephen Kelman – Pigeon English

And the Booker goes to…

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