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Buch-Kritik: Thomas Meyer – Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

Buch
Überblick
Item Reviewed

Thomas Meyer - Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

Author
12. Mai 2014
Spielt in

Zürich

Jahr

2012

Länge

288 Seiten

Verlag

Salis Verlag / Diogenes

„Über den unüberwindlichen Abgrund der Kulturen hinweg“

Meyer_Wolkenbruch; Rechte: DiogenesMotti Wolkenbruch hat es nicht leicht: Seine mame ist wild entschlossen, ihn zu verheiraten, und zwar mit einer properen, anständigen jüdischen Frau, die ihr selbst möglichst ähnlich ist. Dabei ist Motti in seine Kommilitonin Laura verliebt – und die ist eine Schickse und damit absolut tabu. Überhaupt beschleicht Motti langsam aber sicher das Gefühl, dass der Weg, den seine Eltern für ihn vorgesehen haben, nicht so recht der seine ist…

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse ist eins von diesen Büchern, die erst ganz harmlos wirken, nette Lektüre für ein paar sonnige Stunden in der Aprilsonne, sich dann aber heimlich von hinten anschleichen. Und plötzlich ist man so gepackt, dass man das Lesetempo bis zum Schleichen runterschraubt, nur um mehr Zeit in ihrer Welt verbringen zu können.

Diese Welt ist – zumindest mir – ganz schön fremd, obwohl sie sich nur ein paar hundert Kilometer südlich von hier befindet, mitten in Zürich. Dort lebt Motti Wolkenbruch in einem Stadtteil, wo fast alle Männer weiße Hemden, schwarze Hosen und Bart tragen und die Frauen hervorragende Knajdlech kochen. Wo selbstverständlich koscher gegessen und der Familienurlaub in Israel verbracht wird.

Autor Thomas Meyer stammt selbst aus einer jüdischen, wenn auch nicht orthodoxen Züricher Familie, und überzeichnet am Beispiel von Mottis Clan sehr liebevoll Klischees und Traditionen – und zwar in einer Mischung aus Hochdeutsch und – ins lateinische Alphabet transkribierter – jiddischer Einsprengsel. Das ist auf den ersten Seiten gewöhnungsbedürftig, sogar ein bisschen mühselig, zumal ich regelmäßig ins Glossar am Ende des Buches spingsen musste. Auf Dauer aber ist der Sprachenmix erstens sehr charmant und unterstreicht zweitens glaubhaft Mottis Dasein zwischen den Stühlen. Die Dichte jiddischer Wörter variiert nämlich stark, je nachdem, mit wem er gerade spricht: ob mit dem koscheren Bäcker oder mit Lauras Mitbewohnerin. Und auch, wie verbunden er sich den Traditionen seiner Familie gerade fühlt, lässt sich daran gut ablesen.

Nicht nur sprachlich ist Meyers Debüt völlig organisch. Nie wirkt irgendwas gewollt – und das bei einer ziemlich hohen Pointen-Dichte. Sein Humor ist trocken, knapp auf den Punkt und richtet sich – ganz nach jüdischer Tradition – oft auf den eigenen Bauchnabel, wird dabei aber nie gemein.

Motti Wolkenbruchs Abweichen vom vorgezeichneten Weg – streng genommen müsste man es wohl „Entwicklungsroman“ nennen, auch wenn das vielleicht arg wertend ist –  hat mich wirklich begeistert: Seine Geschichte in einem ganz eigenen, sehr sprechenden Ton erzählt, gleichzeitig höchst witzig und bewegend. Denn Motti ist mir beim Lesen blitzschnell ans Herz gewachsen – ein Beweis dafür, dass der Abgrund der Kulturen ganz so unüberwindlich vielleicht doch nicht ist.

Wer sich für weitere Anregungen zu jiddischsprachiger Literatur interessiert, dem empfehle ich Danares‘ Bücherkoffer für Philea’s Blog – auch in den Kommentaren unten gibt Danares nochmal einige tolle Tipps.

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Thomas Meyer trägt seinen Teil zum Überwinden des Abgrunds bei. Sein Roman erlaubt einen Einblick in die jüdisch-orthodoxe Kultur und in den dazugehörigen Humor. Und er bedenkt uns mit einem Helden, der nur solchen Lesern gleichgültig sein wird, die ein Herz aus Stein mit sich rumtragen.

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