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Buch-Kritik: Mike Mignola / Christopher Golden – Baltimore

Buch
Überblick
Item Reviewed

Mike Mignola / Christopher Golden - Baltimore

Author
30. März 2013
Originaltitel

Baltimore, or, The Steadfast Tin Soldier and the Vampire

Autor

Christopher Golden

Zeichner

Mike Mignola

Jahr

2008

Länge

320 Seiten

Serie

Baltimore (Comic-Serie)

Verlag

CrossCult

Warten auf Baltimore

Comic-Legende Mike Mignola, bekannt vor allem für den pubertierenden Dämonen gone Superhelden Hellboy, hat sich als Kind am liebsten ein ganz bestimmtes Märchen von Hans-Christian Andersen vorlesen mignola_baltimore_zinnsoldatlassen: Der standhafte Zinnsoldat, für dessen zweites Bein das Blei nicht mehr gereicht hat, und der sich unsterblich in eine Tänzerin aus Papier verliebt. Wie viele von Andersens Märchen nimmt die Geschichte kein gutes Ende, Soldat und Tänzerin landen zum Schluss gemeinsam im brennenden Kamin.

Graphic Novel oder Roman?

Mignola hat sich lange mit der Idee getragen, seinem Lieblings-Märchen ein neues Gewand zu geben, hat eine Graphic Novel entwickelt – und dann vor der Aufgabe, sie tatsächlich zu Papier zu bringen, kapituliert. Stattdessen hat er seinen Freund, den Autor Christopher Golden, ins Boot geholt. Das gemeinsame Produkt ist ein Roman, geschrieben von Golden nach Mignolas Story. Außerdem hat Mignola expressive, holzschnittartige Schwarz-Weiß-Zeichnungen beigetragen, die Baltimore so viel Atmosphäre verleihen, dass man sich fragt wie man so lange ohne Bilderbücher für Erwachsene ausgekommen ist.

Der volle Titel des Romans lautet Baltimore oder der standhafte Zinnsoldat und der Vampir, und das fasst ihn ganz gut zusammen: Der Soldat Baltimore verliert in einer fiktiven, aber dem ersten Weltkrieg nachempfundenen Schlacht ein Bein an die dämonische Kreatur, die kurze Zeit darauf mit ihren Artgenossen ganz Europa in ein Elend stürzen wird, das den Krieg wie einen Kinderspielplatz aussehen lässt.

Einige Jahre später treffen sich drei Reisende in einer heruntergekommenen Kneipe am Ende der Welt, herbeizitiert von ihrem gemeinsamen Freund Baltimore, und erzählen sich gegenseitig ihre Geschichte: Den Teil, der sie mit Baltimore zusammengeführt hat, und den Teil, der sie dazu gebracht hat, ihn nicht für verrückt zu erklären. Denn alle drei hatten schon vor ihrer Begegnung mit dem Mann jeweils ein übersinnliches Erlebnis.

Die Parallele zu Andersens Zinnsoldat ist überraschend dezent. Mignola und Golden borgen nur einzelne Motive der Geschichte: Baltimores Holzbein, eine verbrannte Geliebte, das übersinnliche Element, der übermächtige Antagonist (beim Zinnsoldaten, habe ich eben verschwiegen, ein Kobold, bei Baltimore ein Vampir).

Andersen meets Cherokee

Überhaupt ist die Atmosphäre in Baltimore so düster und so dicht wie in den schrecklicheren von Andersens Märchen. Mignolas und Goldens verzweifeltes Europa ist unserem ähnlich genug, um schnell lebendig zu werden, auch ohne ausführliche Backstory oder Details, vor allem in den drei eingebetteten Geschichten der Wanderer. Die wirken nicht wie x-beliebige übersinnliche Anekdoten, stattedessen schaffen Mignola und Golden es, sie zu erden und tief in der DNA ihrer Schauplätze zu verankern, so dass sie wie eine Mischung aus Legende, Märchen und Horror wirken. Die beiden bedienen sich dazu teilweise tatsächlich echter Mythen, zum Beispiel der Cherokee-Legende vom Bear-Man, und passen sie geschickt an ihre Bedürfnisse an.

Leider sind sowohl die Geschichte um Lord Baltimore als auch die Rahmenhandlung, während der die drei ewig darauf warten, dass der Freund auftaucht, nicht so stark. Der große Twist am Ende der Geschichte ist vorhersehbar, und selbst wenn das nicht so wäre, wäre er nicht besonders aufregend. Dazu kommt der Stil. Ich habe selten ein Buch gelesen, das sich einerseits so sehr um sprachlichen Schliff und außergewöhnliches Vokabular bemüht, und andererseits so viele grammatikalische Fehler, schiefe Metaphern und tapsige Formulierungen unterbringt.

Wie an viele Übel gewöhnt man sich aber auch daran. Bei mir hat es 100 Seiten gedauert, bis ich über die Sprache hinweggelesen und angefangen habe, mich über die Geschichten der Wanderer zu freuen, über die dichte Athmosphäre und über die fantastischen Zeichnungen von Mike Mignola. Ich wünschte trotzdem, Mignola hätte sich die Zeit genommen, Baltimore wie ursprünglich geplant als Comic zu erzählen (es gibt mittlerweile auch einen zehnteiligen Baltimore-Comic, der aber eine andere Geschichte erzählt). Viele deskriptive Szenen in der Rahmenhandlung verlangsamen den Roman und sind oft auch sprachlich die schlimmsten Stellen. Mignola hätte mit einem oder zwei Panels viel eleganter viel mehr sagen können. Auch in dieser Version fand ich Baltimore aber letzten Endes trotz allem lesenswert: kreativ, unheimlich und in der Art wie es Legende, Fiktion und Kunstmärchen verknüpft, absolut unerwartet.

Anmerkung:

  • Hat Téa Obreht Baltimore wohl gekannt, als sie ihre Tigerfrau schrieb, oder haben zwei Menschen dieselben Motive zufällig auf so ähnliche Art verknüpft?

 

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So viel Potenzial! Wie schade, dass Christopher Golden nicht besonders gut mit Sprache umgehen kann. Die Comic-Serie ist deshalb leider besser.

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  • 4. April 2013 auf 11:02

    Ich mag die Figur von Lord Baltimore sehr gern, stimme dir aber zu, dass das Buch keinen wirklichen Spaß macht. Irgendwie wollte ich es gern mögen, aber das klappte nicht. Dafür finde ich die Comics ganz gut gelungen, wenn auch weit hinter dem, was Mignola in seinem Hellboy Universum erschaffen hat.

    • 5. April 2013 auf 10:59

      Von den Comics habe ich erst zwei Hefte gelesen. Bisher gefallen sie mir auch wesentlich besser als der Roman – hätte Mignola ihn doch nur direkt als Graphic Novel umgesetzt! Aber klar, Hellboy ist eine Klasse für sich, finde ich auch.

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