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Buch-Kritik: Michael Ondaatje – Katzentisch

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Buch-Kritik: Michael Ondaatje – Katzentisch

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Der Kanadier Michael Ondaatje ist einer der wenigen Schriftsteller, die beides haben: Die Anerkennung des Feuilletons und die Liebe einer breiten Leserschaft – zumindest seit seinem Mega-Seller Der englische Patient.

Im Vergleich zu dessen postmodernen Spielereien ist Katzentisch ungewohnt schlicht und geradlinig erzählt: Der zehnjährige Mynah*, geboren und aufgewachsen in Ceylon, reist auf dem Passagier-Dampfer Oronsay nach England, wo seine Mutter ihn in Empfang nehmen wird. Genau wie die zwei anderen Jungs an Bord ist Mynah ohne Begleitung unterwegs, und die drei Wochen auf der Oronsay sind ein nicht enden wollendes Abenteuer.

In Form kleiner, zusammenhängender Vignetten erzählt Mynah von den anderen Reisenden, die mit ihm am „Katzentisch“ sitzen, dem Tisch, der im Speisesaal am weitesten von dem des Kapitäns entfernt ist. Mit ihm sitzen dort seine zwei neuen Freunde Cassius und Ramadhin, ein Jazz-Pianist, ein Botaniker, ein Schneider, ein Schiffsabwracker und die undurchsichtige Miss Lasqueti, alle mit ihrer eigenen Geschichte, von der Mynah aber nur Bruchstücke erfährt.

Erst sehr spät löst sich Ondaatje von der ganz linearen Erzählstruktur auf dem Schiff, um die Abenteuer des zehnjährigen mit Beobachtungen des erwachsenen Mynah zu durchsetzen. Diese Passagen stellen die Erlebnisse seiner Kindheit in einen größeren Kontext und erzählen, wie die Geschichten der Katzentisch-Angehörigen weitergehen.

Katzentisch ist oft als Coming-of-Age-Roman, als Entwicklungsroman, bezeichnet worden, aber so viel Mynah in den drei Wochen auf der Oronsay auch erlebt, am Ende geht trotzdem das gleiche Kind von Bord, das das Schiff in Ceylon mit großen Augen betreten hat – auch wenn die Erlebnisse auf der Oronsay sein ganzes Leben prägen werden.

Das Herz des Romans ist für mich eher der Kontrast zwischen den Passagen auf der Oronsay und denen, die 30, 40 Jahre später spielen: Ondaatje erzählt die Szenen auf dem Schiff nicht aus der Perspektive eines Erwachsenen, der auf seine Kindheit zurückschaut, sondern aus der eines Kindes, mit aller dazugehörigen Naivität, Neugier und Fantasie. Das Schiff ist für Mynah ein Wunderland, wo hinter jeden Ecke das nächste Abenteuer wartet, und für die Zukunft gilt das gleiche. Gegen diese Romantik stellt er die leicht melancholischen, nüchternen, fast resignierten Passagen des erwachsenen Mynah. In diesem Spannungsfeld erzählt Ondaatje mehr übers Kindsein als die meisten Entwicklungsromane und mehr über die Sehnsucht nach dem Kindsein als sich so einfach wegstecken lässt.

Dieser Kontrast und Ondaatjes Auge fürs Detail, für skurrile, eigenwillige Figuren und ebenso skurrile Situationen sind die großen Stärken von Katzentisch. Trotzdem hat mich Ondaatjes jüngster Roman nicht so bewegt wie ich erwartet hatte.

Das hat vielleicht damit zu tun, dass Ondaatje sich sehr konsequent an seine eigenen Vorgaben hält und in den Oronsay-Teilen nur das erzählt, was ein Zehnjähriger auch tatsächlich bemerken würde. Die anderen Charaktere am Katzentisch sind deshalb zwar interessant, aber Mynah beschäftigt sich nicht genug mit ihnen, als dass sie wirklich zum Leben erwachen würden. Selbst sein Freund Cassius, zu dem Mynah nach der Ankunft in England keinen Kontakt mehr hat, bleibt eine Skizze. Ramadhin dagegen, von dem wir auch später viel erfahren weil der erwachsene Mynah mit ihm befreundet ist, hat jede Menge Fleisch.

Trotzdem ist Katzentisch natürlich lesenswert. Sein neuer Roman mag nicht sein bester sein und ich kann mir auch nicht vorstellen dass er den Erfolg des Englischen Patienten damit wird wiederholen können. Aber immerhin haben wir es hier mit Michael Ondaatje zu tun, dessen Sprache immer lyrisch und von eigenwilligem Rhythmus ist – übrigens auch in der Übersetzung von Melanie Walz –, der romantisch und nostalgisch werden kann ohne auch nur in die Nähe des Kitsch zu geraten, und der vor allem in den Passagen des alten Mynah (vielleicht ja doch ein alter ego?) erzählt, als hinge sein Leben davon ab.

*Ondaatje betont im Nachwort, auch wenn Katzentisch „sich hin und wieder des Kolorits von Lebenserinnerungen bediene“, sei es rein ein fiktives Werk. Aber Mynahs echter Name ist Michael, später wird er Schriftsteller, und geboren ist er ungefähr zu der Zeit in Sri Lanka, als auch Michael Ondaatje dort geboren wurde. Wohl kaum Zufall.

 

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